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~ Autorenblog von Fabian Dombrowski ~

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Mittwoch, 8. März 2017

Ein Experiment in der anderen Kunst




Die andere Kunst - damit meine ich die Fotografie. Was schon etwas seltsam inkonsequent ist. Natürlich stimmt, dass das Schreiben meine Hauptkunst geworden ist. Da besteht wohl keine Frage. Dennoch kamen im Laufe der Jahre einige geliebte kreative Übungen unter die Räder. Zeichen und Malen zum Beispiel, künstliche Sprachen basteln und Länder, Inseln, sowie vor allem Städte in meinem Kopf kartographieren, mit Polygonen Gebäude und Raumschiffe bauen; Photographieren ist da nur eine der anderen Künste. Der meiste Verlust hat einfach damit zu tun, dass es in einem Alltag zwischen Studium, Jobs und einem Hauch Sozialleben nicht ständig Raum gibt. Wobei gerade dieses Sozialleben mal deutlich mehr Gewicht als Ruhepol vertragen könnte. Als Reaktion auf solche Äußerungen bekomme ich immer wieder dasselbe zu hören, dass ich doch nur mein Schreibhobby ein reduzieren müsste. Somit könnte ich mir in meiner Freizeit mehr Diversität gönnen. Der enorme Fehlschluss liegt in der Annahme, dass es sich um ein Hobby handeln würde.

Es ist mein Job. Daran gibt es auch nichts zu rütteln oder zu interpretieren.

Er steht selbstverständlich in einer gewissen Spannung zur zweiten Seite meines Lebens: Der Wissenschaft. Diese beiden Sphären könnten für mich nicht alleine existieren. Sie sind oft im Klinsch und gleichzeitig Hand in Hand, ausnahmslos aber fruchtbar für mich. Eines jedoch stimmt: Ich hätte gern mehr Diversität in der Gestaltung meiner Kreativität. Schreiben und Wissenschaft werden immer im Zentrum stehen. Immer. Nichts fordert meine Kreativität mehr als diese Zwillinge. Durch wenig fühle ich mich lebendiger. Außerdem kommt weder Dichtung noch Forschung ohne ständig neue Anstöße aus.

Vielleicht halte ich allerdings auch zu sehr an einem Ideal eines Renaissance-Gelehrten fest, der in tausend verschiedenen Feldern seine Fähigkeiten verfeinert und in seinem verkrammten Atelier zwischen einem halben Bibliotheksbestand, Schreibutensilien, Notizzetteln, Skulpturen und Skizzen haust. Der Lebensstil von Anton Sokolov scheint schon sehr attraktiv. Ist zwar noch fiktiver als jener der Vorbilder, auf denen dieser Charakter basiert, aber hey - jeder darf sein Stück Eskapismus haben, oder? Selbstverständlich liegt das in dieser ernüchternd realen Welt nicht im Bereich des Möglichen. Mancher zweifelt sicherlich, ob so eine Interessensbreite der Qualität einzelner Arbeiten nicht ausnahmslos zwingend Abbruch tut. Jack of all trades, master of none? Mag sein. Ohne die ökonomische Basis für diese dekadente Vielfältigkeit des Lebensstils lässt es sich schwer rausfinden. Falls irgendwer sich hier jedoch als Mäzen hervortun möchte - ich würde mich für so ein Experiment selbstredend aufopfern.

Ein weiteres Experiment, dem ich mich ab Januar stellen wollte, war eben eine dieser anderen Künste, die Photographie, wieder mehr in mein Leben zurückzubringen. Früher hatte ich oft Probleme meine Faszination für die Arbeit mit Kameras einzuordnen, ließ sich ja fast die Gesamtheit dessen, was ich so tat, relativ offensichtlich mit dem Kreieren von Geschichten in Verbindung bringen. Das geht auch mit Photos. Weiß ich. Wusste ich damals ebenfalls. War aber lange nicht mein Verständnis von dem, was ich da anstellte. Der Knackpunkt kam erst mit der Erkenntnis, dass meine Erzählungen, so sehr sie sich auch da draußen in phantastischen Welten abspielten, in gewisser Weise Bohrungen in meine Realität sind, Beobachtungen sozusagen. Photographie wird unter diesem Gesichtspunkt die perfekte Technik.

Im Grunde habe ich keine Ahnung, ob ich ein guter Photograph bin. Wichtiger ist ja auch, dass es ein großer Spaß ist, obwohl mich durchaus der Ehrgeiz reitet, gute Bilder zu schießen, gute Kompositionen zu wählen, Belichtung zu treffen und generell interessant und technisch sauber zu gestalten. Natürlich gegebenes Talent halte ich sowieso für Stuss. Besser werden und lernen ist das Ergebnis von Arbeit.


Ein Hauptziel bei dem Experiment war mir eine bestimmte Alltäglichkeit herzustellen - gerade damit es nicht ein einzelner Versuch bleibt, ein kurzes Zwischenspiel und danach findet sich die Photographie zurück verstaut in ihrer Schublade wieder. Also setzte ich auf eine bewährt unsubtile Methode des Internetzeitalters: Eine Challenge. In dem Fall stellte ich mir die Herausforderung jedem Tag für ein Jahr ein (halbwegs) vernünftiges Photo zu schießen. Es war eine gute Gelegenheit meine treue Canon EOS 450D einzusetzen, deren einziger Makel möglicherweise darin besteht, keine Videofunktion zu haben - und auch das weil es ein

Experiment wäre, was ich gerade in Kombination mit dem gewohnten Funktionen einer Spiegelreflex mal wagen würde. Andrerseits würde ich obendrein gern mit Kollodium-Nassplatten-Techniken rumexperimentieren. Denn seien wir mal ehrlich: Film- und Digitalphotografie wird nie an diese Eindrücke rankommen und sie höchstens überzeugend, aber gleichfalls immer bemerkbar faken. An dieser Stelle eröffnet sich selbstredend erneut das Problem eines nicht existenten Mäzens, der sowas ermöglicht (und dem Zeitproblem für so eine Aufwendigkeit wohl letztlich doch nicht abhelfen kann). Glücklicherweise braucht man im Grunde keine extrem anspruchsvolle antike Maschinerie, um die Welt einzufangen - die Gegenwart bietet mehr als genug interessante Spielzeuge. Eines davon habe ich ohne es direkt zu planen für alle Photos dieses Experiments eingesetzt: Mein Lieblingsobjektiv (Canon Lens EF 50mm f/1.8 II, falls es wen interessiert) Es fängt das Licht genau so ein, wie ich das gerne hätte, hat ein unglaublich angenehmes Bouquet und der Mangel eines Zooms zwingt in eine Kreativität, die mich Perspektiven und Ausschnitte sehr bewusst wählen lässt. Ich könnte mäkeln: Wirklich kleine Details lassen sich damit nicht einfangen und manchmal könnte es noch weitwinkliger sein. Das ist meckern auf hohem Niveau - ich würde Lichtstärke und minimale Blendenzahl gegen nichts eintauschen.

Ist das Experiment gelungen? Klares jein. Ein Jahr habe ich es nicht durchgehalten. Es war nötig die Kamera überall mitzuschleppen oder einfach Daheim Detailbilder zu schießen - was ich auf Dauer als langweilig empfand. Meine harte Linie es in den Alltag zu integrieren behinderte den Alltag selbst. Schon allein, weil es wenig Taschen gibt, die Bücher, Schreibutensilien und Kamera gleichzeitig beinhalten können und nicht nach Backpack-Tourist aussieht oder dem traditionellestem deutschen Gewand der Geschichte: Der Funktionskleidung.

Doch ist die Angelegenheit auf anderer Ebene geglückt? Seht selbst. Mach euch eine eigene Meinung. Manches findet sich ja um diesen Artikel. Für mich hat es sich in jedem Fall gelohnt. Wenn auch in unerwarteter Weise. Ich habe vier Jahre in der Produktphotographie eines gewissen Online-Modeversands gearbeitet und lange beherrschte mich das Gefühl, dass was wir da gemacht haben, einen sehr negativen Einfluss auf meine Bilder nahm. Irgendwie fühlte ich mich noch ewig nach meiner Kündigung in die dortigen Techniken gepresst, als könnte ich nur durch eine Linse der besten Repräsentation eines Konsumguts an einen Kunden photographieren. Was auch immer dieses Experiment gebracht hat - und bei einer Fortführung hätte bringen können - von dieser Vergangenheit fühle ich mich geradezu exorziert. 

~ Fabian, 8.März, 8:10




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