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~ Autorenblog von Fabian Dombrowski ~

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Sonntag, 19. März 2017

Der Mediaevist und der Ritterorden





Es ist schon eine ganze Weile her, dass ich „Das Wunder von Malta“ geschrieben habe. Ich stand noch ganz am Anfang meiner Autorenkarriere - meine beiden ersten Texte „Der verbotene Tanz“ (Aeternica Verlag, nicht mehr im Druck) und „Der Gärtner“ (Wölfchen Verlag) waren gerade erschienen - und in meinem Geschichtsstudium begann gerade das 3. Semester. Rückblickend legte ich damals das Fundament des Lebens, dass ich heute führe. Ich bin sehr dankbar für jene eher ruhige Lebensphase, in der ich nicht in tausend Nebenschauplätzen gebunden war und ich mich damit beschäftigen konnte, wie der Hasen in diesen Bereichen so lief. Seinerzeit, genauer gesagt in den letzten Tagen vor dem Jahreswechsel 2012/13 entstand auch „Das Wunder von Malta“. Es war eine Kurzschlussreaktion. Ich war relativ spät (oder früh) von der sogenannten „Weltuntergangsparty“ heimgekommen, die die HistorikerInnen um 21.12.2012 veranstaltet hatten. Es war ein gut gewähltes, wenn auch glücklicherweise ironisches Motto für eine in meiner Erinnerung legendären Weihnachtsfeier, der ich in der kürzlich erschienenen Geschichte „Die 13 Briefe des Paul Marinus“ im Fantasy Lesebuch 4 vom Verlag ohneohren zumindest in ein paar Nebensätzen ein Denkmal gesetzt habe. Jedenfalls waren Endorphine und Adrenalin nach dem Abend noch nicht verraucht und statt Schlaf fand ich in den Tiefen des Internets zufällig diese Ausschreibung. Die Idee passte mir sofort: Alternative Geschichtsverläufe und Ritterorden? Das passt. Ich stehe zwar eigentlich gar nicht so sehr auf Ritter oder Orden - fachlich waren sie bisher höchstens als Teilbereich interessant, mein Fokus lag mehr auf Migration, Kulturellem Gedächtnis und interdisziplinären Verbindungen zur Neurowissenschaften (ja - das gibt es in der Mediaevistik). Aber gerade damals verkörperten Malteser, Templer oder der Deutsche Orden auf gewiss klischeehafte Weise etwas anderes für mich: Das Mittelalter. Eben jener Epoche, die ich mir in meinem Studium schon sehr früh als Schwerpunkt erwählt hatte.

Man möchte meinen, dass dieser Epochenfokus arg stereotyp wäre. In der Tat ist die Schnittmenge von StudentenInnen recht groß, die gerne Fantasy lesen und die man mit einer deutlichen Regelmäßigkeit in den Seminaren mediaevistischer Lehrstühle antrifft. Ich kann schlecht für andere reden; mir fehlt jede zufriedenstellende Erklärung für dieses Phänomen - es gibt da höchstens Verdachtsmomente. Geschmackliche Übereinstimmung in gewissen Stoffen und natürlich auch den Wurzeln von Tolkiens Erbe, die tief in mittelalterliche Sedimente reichen. Mein Weg führte mich, lassen wir jetzt einmal Wahlverhalten nach unterbewussten Präferenzen beiseite, eher zufällig in diesen Bereich der Vormoderne. Angetreten war ich ohne ein Interesse für ein besonderes Zeitalter - das passte gar nicht in mein Konzept vom Lehramt (damals wollte ich tatsächlich um jeden Preis zurück an die Schule). Das änderte ein einzelner Dozent innerhalb meines ersten Seminars sehr schnell. Er entfachte meinen Hunger zu forschen und die Lust an Theoriedebatten. Das Mittelalter wurde für mich zu einem Labor, in welchem wissenschaftliche Methode entwickelt und angewandt werden konnten. Gleichzeitig kapierte ich, wie viel diese Zeit mit unserer Gegenwart zu tun hat, wie viel wir dort über uns selbst lernen können. Kurzum: Ich begann mich mit dieser Teildisziplin der Geschichtswissenschaft zu identifizieren, die als Mediaevistik bekannt ist. Wie hätte ich den Maltesern widerstehen können? Trotz der engen Deadline musste ein Text raus und tatsächlich schaffte ich es am Silvesternachmittag eine fertige Geschichte zu produzieren und noch Feedback einiger Betaleser einzuholen. Ich drückte auf „Senden“, gerade bevor ich mich zur alljährlichen Feier bei russischen Freunden aufmachte.

Nun liegt der Winter 2012/13 schon eine Weile zurück. Die Auswertung der Ausschreibung hat eine ganze Weile gedauert (siehe hier für knappe Hintergründe). Das ist okay - solche Dinge passieren einfach - life happens. Doch besonders der zeitliche Abstand macht den Rückblick auf die Geschichte so interessant. Mir fallen viele Punkte an dem Text auf, die mich immer noch oder speziell jetzt wieder beschäftigen. Da ist die Angelegenheit der friedlichen Koexistenz der Religionen, ja vielleicht sogar der Wunsch, dass alle Gläubigen und auch Atheisten (zu denen ich mich selber zähle) im gegenseitigen Austausch unserer Zivilisation gestalten. Eine Utopie, aber eine an der ich zurzeit glücklicherweise an unterschiedlichsten Fronten ein winziges Stückchen mitwirken darf.  Außerdem musste ich mich für diese Kurzgeschichte damit auseinandersetzen, wie man in wenigen Worten (und wenig Recherche Zeit) einen abweichenden Geschichtsverlauf an die LeserIn vermittelt. Ein Problem, dass ich wohl auch den Teilnehmern meiner eigenen aktuellen Ausschreibung zu den "Steampunk Akten Asien" übergehalst habe. Bei dieser Story habe ich Glück gehabt - es hat in 10630 Zeichen bzw. in 1637 Wörtern funktioniert. Und das relativ unverkopft. Eine Qualität, die mir ab und an, abhandenkommt. Natürlich steht Weltenbau dadurch etwas zurück. Das wäre in anderen Storys schade, dennoch war es hier die richtige Entscheidung. Im Zentrum des „Wunders von Malta“ steht eine Geiselnahme (so viel sei verraten) und größere Exkursionen würde Spannung und Geschwindigkeit der Szene verderben. Als ich den Text damals einreichte hielt ich das für seine Schwäche. Einige Reflexionen später und auch mittels der anhaltenden Befürwortung dieser Eigenschaft durch meine beste Freundin habe ich die Stärke darin erkannt.

~ Fabian, 19. März, 17:00

„Das Wunder von Malta“ ist bei p.machinery in der Anthologie „Das Kreuz der Malteser“ erschienen. So liest sich die offizielle Ankündigung:


Bis zum Ende des 18. Jahrhunderts waren die Johanniter von vielfältigen geschichtsträchtigen Ereignissen umgeben. 1099 waren sie an der Eroberung Jerusalems beteiligt. 1522 wurden sie von den Osmanen von Rhodos vertrieben. 1530 siedelten sie sich auf Malta an. 1565 besiegten sie die Osmanen in der Großen Belagerung (Great Siege). 1798 musste der einzige deutsche Großmeister, Ferdinand von Hompesch, gegenüber Napoleon Bonaparte kapitulieren und Malta mit seinen Rittern verlassen.
Vor allem in der Zeit nach 1565 wurden die Johanniterritter als Retter Europas betrachtet. Die Große Belagerung Maltas galt als einer der Wendepunkte in der Geschichte der Eroberung Europas durch die Osmanen.

Im 19. Jahrhundert verloren die Malteser an politischer Bedeutung. Und heute kennen die meisten Menschen nur noch die Hilfsdienste der Malteser und Johanniter. Aber auch der Ritterorden existiert noch - und die zwölf  Autoren in dieser Anthologie beantworten jeder für sich die Frage, welche Rolle die Ritter in der heutigen Zeit spielen würden, wäre die Geschichte ein wenig anders verlaufen.

Kurzgeschichten
Anna Eichinger: Memory
Karsten Beuchert: Die versäumte Ermordung Seiner Majestät Zar Paul I.
Fabian Dombrowski: Das Wunder von Malta
Michael Alois Ortner: Agent Electrique
Cairiel Ari: Der schwarze Fluch
Michael Edelbrock: Das Gelübde der Malteser
Susanne Münch: Neue Hoffnung für Europa
Enzo Asui: Newtons letztes Leckerli
Olaf Lahayne: Agios Nikolaos
Lily Beyer: Agathas Kreuz
Galax Acheronian: Wahrer Wert
Paul Sanker: Rico

Das Titelbild schuf Uli Bendick

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