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~ Autorenblog von Fabian Dombrowski ~

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Sonntag, 4. Dezember 2016

Steampunk Akte Asien oder: "Spieglein, Spieglein an der Wand, wer ist der wirrste Intellektuelle im ganzen Land?"




[WARNUNG 1: Meiner Ausschreibung der Steampunk Akten Asien wird nachgesagt, zu sehr einzuschränken oder es mit der Komplexität zu übertreiben. Das war nie die Absicht. Jedoch mag der folgende Text einen ähnlichen Eindruck erwecken. Dabei ist es nicht wirklich nötig, ihn zu kennen oder zu lesen, um teilzunehmen. Er dient mehr dazu, mir einige Dinge über die Ausschreibung von der Seele zu schreiben.]

[WARNUNG 2: Es folgt ein extremer Textwall statt eines knackig kurzen Artikels]

Eigentlich wollte ich damit einsteigen, dass es nur noch wenige Stunden, ja vielleicht sogar Minuten sind, bis die Ausschreibung zu meinem neuem Projekt als Herausgeber startet. Das hat nicht ganz geklappt. Der 30. Oktober liegt nun schon etwas zurück. Das Leben besteht einfach aus mehr als geilen Plänen und deren Verwirklichung - obwohl ich natürlich zugeben muss, dass mindestens ein Hinderungsgrund letztlich ziemlich großartig ist. Aber es würde wohl jedem gefallen, die Zeit lieber zwischen dem aufzuteilen, was man so mag: Wissenschaft, Literatur, der grandiosen Jale, ohne die sowieso nichts läuft, alkoholseligen Abenden mit Freunden und entspannten Spaziergängen durch die Berliner Vorstadt (das macht in guter Gesellschaft mehr Spaß, als manch einer grad denken mag). Stattdessen bleibt man ständig an den alltäglichen Notwendigkeiten hängen, seien es Bürokratie, Haushalt oder die nervigen Kleinigkeiten, die irgendwo anfallen - von den größeren Krisen wollen wir mal schweigen. Aber ohne Frage haben die Wahl Trumps, der auch hierzulande erstarkende Rechtsradikalismus der AfD und der immer aggressivere Umgangston, der auch in unseren Alltag hineinspielt, auch mich erschüttert. Darum soll es hier aber gar nicht gehen! Oder doch? Können die Steampunk Akten etwas zum Kampf gegen Feinde der Freiheit und Demokratie beitragen? Ein hohes Ziel und es wird ein recht unkoordinierter Text folgen - wer etwas Konkreteres will, der lese hier den Bartoschek.

Warum also dieser umständliche Einstieg? Weil das neue Projekt durchaus mit drei dieser Sachen, die ich mag, ziemlich viel zu tun hat. Wissenschaft spielt vage eine Rolle im Hintergrund, Literatur ist ganz offensichtlich der Protagonist und Jale ist selbstverständlich auch mit von der Partie. Das Ergebnis: Die Steampunk Akte Asien.


Dieser Artikel hat das Ziel, am Projekt interessierten und vor allem potenziellen AutorInnen Einblick zu geben, was ich mir von dieser Ausschreibung erwarte. Das wird die einen freuen und die anderen etwas verwundern. Warum braucht ein/e AutorIn unter Umständen mehr als einen Ausschreibungstext, um gut vorbereitet zu sein, einen Text zu schreiben? Gewinnen nicht einfach die besten Kurzgeschichten? Ganz provokant gesagt: So fair läuft die Auswahl der Storys nie. Das ist gar nicht möglich. Jemand kann einen großartigen Plot in unglaublicher Prosa schaffen und es muss trotzdem zum Buch passen - ja zu allen anderen Kurzgeschichten. Ich höre schon den Einwand: Aber das sind doch harte oder zumindest überprüfbare Kriterien. Nein, denn letztlich entscheidet der Geschmack des Herausgebers, was gute Literatur ist und ob das zusammenpasst. Und Geschmack ist nicht fair, Geschmack ist nicht objektiv und Geschmack ist noch nicht mal verlässlich derselbe an jedem Tag. Vielleicht hab ich morgens meinen Tee nicht bekommen und bin deswegen besonders grummelig oder aber ich wurde mit einer Flasche Whiskey oder einer anderen zwielichtig verruchten Bestechung milde gestimmt. Im Gegensatz zum Gerücht sind Herausgeber eine sehr beeinflussbare Spezies. Doch weil der Geschmack eben unfair ist, dachte ich mir, gebe ich etwas Einblick in ihn, um gerechtere Verhältnisse zu schaffen.

Was ja unter Umständen eigentlich kein gutes Vorzeichen sein mag, ist, dass ich am Anfang extrem skeptisch war, die Steampunk Akten in ihrem nächsten Schritt nach Asien zu verlegen. Doch das war von Anfang an der Plan von Verlegerin Grit Richter und stand fest, bevor ich das Projekt übernahm. In meinem Kopf tauchten einfach dabei nur eine Reihe von Asienklischees auf, kombiniert mit dem üblichen Steampunkdekor. Streuen wir hier Katanas, Shaolin-Kampfkunst, schlangenartige Drachen in eine Szenerie, die vage exotisch mit Reisfeldern, Pagoden und Klöstern mit Buddhastatuen beschrieben wird. Dann noch mit Zeppelinen, Tesla-Waffen und den allgegenwärtigen Goggles garnieren und fertig. Oder? Mir hat das jedenfalls Bauschmerzen bereitet. Schon bevor ich Herausgeber wurde. Gleichzeitig roch ich aber meine Chance, der Sache meinen Dreh zu geben. Dafür musste ich jedoch erstmal ergründen, woher mein Ungemach stammte. Die Lösung war am Ende recht offensichtlich: Wissenschaft. Seit 2011 studiere ich nur unterbrochen von einer kleinen Burn-out-Unterbrechung Geschichte. Ich liebe es. In der Zunft der HistorikerInnen fühle ich mich einfach zu Hause. Und einer der vielen Punkte, die mir die Geschichtswissenschaften aufzeigten, war, wie fremdartig andere Kulturen sein können, wie schwer es ist, sich in sie einzufühlen und wie irreführend es sein kann, einfach seine eigene Lebenswelt auf eine andere zu projizieren. Genau davor habe ich Angst. Eine Anthologie herauszugeben, die in Asien spielt, aber letztlich doch wieder Geschichten präsentiert, die eigentlich auch im viktorianischen London oder auf der Pariser Weltausstellung stattfinden könnten, nur mit ein wenig Geishapuder überschminkt und die Degen gegen Samuraiwaffen ausgetauscht. Das wäre gerade hier ein massives Problem. Steampunk als Genre ist sowieso enorm in einer Welt des Kolonialismus verheddert - ohne dass diese Verknüpfung oft reflektiert würde.

An der Stelle bin ich in einem Zwiespalt. Einerseits bin ich kein Fan davon, Leuten Themen wie Kolonialismuskritik oder auch Gendertheorie und -sprache vorzuhalten. Diese Ideen aufzuzwingen bringt sowieso nichts. Vor allem nicht, wenn einem am Ende so sehr reingewürgt wird, was für eine wichtige Angelegenheit das ist, dass man gar nicht mehr über die Angelegenheit selbst redet. Und das in einer Zeit, wo viele unserer Mitbürger sich wieder (oder immer noch?) mit einem Rassismus und Populismus einlassen, den wir in unserer Blindheit überwunden glaubten. Andrerseits ist es ziemlich schwierig, eine Steampunk-Anthologie zusammenzustellen und nicht über all das nachzudenken. Das soll jetzt nicht heißen, dass ich die üblichen Aristokraten, Zylinderträger und irre, verpeilte Genies nicht mag - oder generell die Ästhetik von viktorianischer Herrenmode bis Fin de Siècle -, denn das könnte ich wohl niemals verneinen. Dennoch fällt auf, dass Randgruppen höchstens in Quotencharakteren vertreten sind und im Grunde oft einfach nur der Ausgestaltung des Hintergrundes dienen. In der Form schaden sie mehr, als dass sie helfen. Ihre Probleme werden zwar benannt, aber kaum wirklich gezeigt. Dabei ist gute Literatur doch eigentlich ‚show don’t tell‘. Und es gäbe einiges Interessantes zu finden: Wie erleben denn Soldaten, die in den Kolonien geboren wurden, ihren Einsatz gegen die eigenen Nachbarn? Was passiert mit jemandem, der nach einer Reise oder sogar einem Studium in Europa wieder in seine Heimat auf der anderen Seite der Welt zurückkehrt? Wie fühlt sich auch unter Umständen ein Kaiser, beleidigt von der Überheblichkeit der Fremden, aber dennoch gezwungen zu kooperieren? Wie zeigt er dies anderen? Seinem Volk? Seiner Gattin? Seinen Freunden? Oder sogar den Vertretern der fernen Imperien selbst gegenüber? Das einfach zu benennen hilft wenig. Doch gute Texte können Gefühle wecken, emotionalisieren! Es braucht kein ewiges Traktat, das zeigt, wie gut man die Komplexität eines Themas als AutorIn versteht - obwohl ich sicherlich schuldig bin, das eine oder andere davon selbst verzapft zu haben. Doch so etwas schreckt oft zu sehr ab. Lasst die LeserIn (oder in dem Fall den Herausgeber ;-P) diese Konflikte, Ängste, die Unsicherheit und Beklemmung, aber vielleicht auch Freuden und Triumphe nachfühlen! Dann kommen wir auch dem Punkt näher, an dem Literatur unterhaltsam und intelligent gleichzeitig sein kann. Packend und gut recherchiert in einem. Zumindest ist das mein Ideal. Ob ich das erreiche, steht auf einem anderen Blatt.

Die Matt Ruff Sammlung
Dem einen oder anderen mag mein Geschreibsel extrem vage vorkommen und wahrscheinlich auch ziemlich Erwartungen vom verklärten Ton der universitären Elfenbeintürme erfüllen. Das Vorurteil ist absolut berechtigt. Aber wenn ich hier schon von unterhaltsam rede und Ansprüche habe, sollte ich es wohl auch mit Leben füllen! Vielleicht tut es ein Beispiel. Wer aufgepasst hat, wird bemerken, dass es zwar bisher viel um Literatur und meinen durch die Wissenschaft geprägten Blick ging; doch bisher in keiner Weise um Jale. Das muss natürlich geändert werden. Ihren Geschmack für gute Geschichten und ihre Gabe, solche in der Masse des Schrotts aufzutreiben, kann ich nicht wirklich erklären, nur bewundern und dankbar sein. Dieser Fähigkeit verdanke ich ja gerade den speziellen Blick auf dieses Projekt - denn sie hat mich mit einer gewissen Droge infiziert: Namentlich geht es hier um Matt Ruff. Kurz nachdem wir uns 2014 kennenlernten, bekam ich von Jale das Buch ‚Fool on the Hill‘. Es hat ein wenig gedauert, bis ich so richtig loslegen konnte, es zu lesen. Es offenbarte mir einen Schriftsteller, der mich seit Langem wieder wirklich faszinierte. Ich mochte seine Prosa, seine Ideen und verwinkelten Erzählungen nicht nur, ich verliebte mich darin. Das passiert mir nur (noch) selten. Also fraß ich mich durch sein Werk. ‚Lovecraft Country‘ folgte, dann ‚Bad Monkeys‘ und ‚Set this House in Order‘ - jedes Mal erfand Ruff sich neu, schrieb in einem anderen Genre, verstand es aber in jedem Fall, eine gute Geschichte mit viel Witz zu erzählen. Keiner dieser Texte hätte ohne mühevolle Recherche und Verständnis für die jeweiligen Themen funktioniert. Ihre Bandbreite reicht von dissoziativen Persönlichkeitsstörungen, über den War on Terror bis zum simplen Unileben. Doch an keinem Punkt wird einem diese Masse an Wissen reingedrückt. Stattdessen schimmert sie hinter dem Plot durch, formt ihn, gibt ihm die Kraft, die LeserIn wirklich nachhaltig zu berühren. So geht Literatur. Und so funktioniert auch ‚The Mirage‘.

Es muss so gegen Ende des Sommersemesters gewesen sein, dass Jale vorbeikam und mir das Buch mitbrachte. Sie hatte es im St. George, einem unserer liebsten Berliner Antiquariate entdeckt. Grundsätzlich geht es um folgendes Szenario: Statt dass am 11. September 2001 zwei Flugzeuge islamistischer Terroristen ins World Trade Center rasen, fliegen christliche Fundamentalisten ein ähnliches Attentat auf die Euphrat- und Tigris-Türme in Bagdad. In dieser Parallelwelt gab es die USA nie, dafür folgt auf den Zusammenbruch des Osmanischen Reichs keine Kleinstaaterei, sondern die Vereinigten Arabischen Staaten. Sie zogen gegen Hitler in den Krieg, richteten den Diktator in Nürnberg hin und gaben dem jüdischen Volk ihr Israel (allerdings in Norddeutschland und nicht in der Levante). Die Handlung, die Ruff in diesem Spiegeluniversum entspinnt, soll hier nebensächlich sein. Es geht um sein Worldbuilding. Es ist nicht einfach nur ein Spiel des Verdrehens. Der LeserIn wird eine Gesellschaft vorgestellt, die eine plausible Geschichte hat. Hinter jeder Ecke wittert man Gründe dafür, warum die Dinge anders sind, warum sich Menschen unerwartet verhalten. Sie werden selten komplett erklärt, aber wirken konsequent durchdacht. Statt von wahllos zusammengewürfelten Elementen, die der AutorIn gefallen und die er gern in der Story haben möchte, ständig rausgeworfen zu werden, bekam ich das Gefühl einer großen zusammenhängenden Welt. Auch diese Welt hat Probleme. Wir kennen sie aus unserer eigenen Realität. Doch auf der anderen Seite dieses phantastischen Spiegels verzerrt gewinnt man neue Perspektiven auf sie. Homophobie und Religion werden in einen eindrücklich beklemmenden Zusammenhang gestellt. Wie Frauen und Männer Rollenbilder in einer Gesellschaft erfüllen oder sich auch neu schaffen. Die Frage, ob sich Kopftuch und Selbstbestimmung vereinbaren lassen, gibt unseren europäischen Kulturen schließlich ja immer noch Rätsel auf, um einmal ein Beispiel zu nennen.
Das klingt nach schwerer Kost. Einem Buch nicht für die normalen LeserIn. Höchstens für Intellektuelle geeignet. Dabei darf man nicht vergessen, es ist ein Thriller. Er unterhält mit Schusswechseln, Beziehungsdrama und einem Komplott, das die kriminelle Unterwelt mit den höchstens Staatsorganen verbindet. Es wird hier besonders sichtbar, wie unnötig die künstliche Abgrenzung in Hohe Literatur und Popkultur ist. Außerdem wird niemand diesem Buch je den typischen Vorwurf des Eskapismus machen können, der dem Genre der Phantastik sonst gern zuteil wird.

Und der Schluss von dem Ganzen? Wer herausfinden will, was ich mir von der Steampunk Akte Asien erwarte ... naja eher erhoffe, der lese einfach Matt Ruffs ‚The Mirage‘. Der Ausflug in die Spiegelwelt ist ein spannender Trip für ein Wochenende. Die Seiten blättern sich schneller um, als es zumindest mir lieb war. Es hätte noch eine ganze Weile weitergehen können. Doch auch ohne dieses tolle Buch sollte hier klar geworden sein, wie ich ticke: Ziemlich verpeilt in meiner Welt der Intelligenzija und völlig ignorant darin, dass den größten Teil der LeserInnen, so etwas überhaupt nicht interessiert. Wenn ich ganz ehrlich bin, hängt das Projekt ja auch davon ab, was so von den AutorInnen kommt. Bücher machen ist immer(!) ein Teamsport. Da muss ich mich ab einem gewissen Moment auch zurücknehmen. Außerdem hat niemand gesagt, dass ein witziger oder spannender oder einfach mit guter Prosa glänzender Text mich nicht überzeugen könnte.

 ~ Fabian, 4. Dezember, 22:45

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