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~ Autorenblog von Fabian Dombrowski ~

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Dienstag, 7. November 2017

Noch einmal stürmt, noch einmal, lieben Freunde!



Neustart, mich neu einrichten, neu noch einmal anfangen. Das ist im Moment in vielerlei Hinsicht das Lebensthema. Und selbiges wird auch für diesen Blog gelten. Er kam nie so richtig ins Rollen. In gewisser Weise ein Symptom, meines in den letzten fünf Jahren ständig die Krise geratenden Lebens. Nicht, dass es vorher irgendwie weniger Aufs und Abs gab, aber zuletzt war doch einiges viel zu sozial-eskalativ, verworren und kaum lösbar. Anfang des Sommers fand das alles seinen Gipfel und es hat eine ganze Weile gedauert wieder auf den Damm zu kommen - und ich mag an der Stelle auch gar nicht darauf eingehen, was es gekostet hat. Vollkommen da bin ich noch lange nicht. Ich arbeite jedoch daran. Neben den zwei privaten Großprojekten, mein Heim nach drei Jahren in dieser Wohnung endlich gemütlich herzurichten und den modischen Eskapismus in 20er-Jahre-ähnliche Anzüge intensiver zu pflegen, bedeutet das vor allem mich wieder auf meine Kernkompetenzen zu konzentrieren. Tyrion Lannister würde sagen: „I drink and I know things“ ... minimal differenzierter heißt das Trinken, Literatur und Wissenschaft. Einerseits will ich umzusetzen, was ich Anfang des Jahres programmatisch in dem Essay „Unterhaltung ohne Leben“ proklamierte; andrerseits möchte ich mich einfach auf das Schreiben und Forschen fokussieren. Was gerade bedeutet, neue Schreibplätze kreieren oder erschließen (bald ein wenig zum Verlust meiner alten Orte, aber mehr noch dazu, was mein Plan ist für neue); überhaupt wieder zu beginnen, zu schreiben, denn den Sommer über stand alle Arbeit still; und letztlich den Roman zu vollenden, der nach der 100.000 Wörtermarke in einen harten Vollstopp versumpft ist. Zugleich soll aber auch dieser Blog in einer Art und Weise überholt werden, dass er meiner aktuellen Arbeit und Person besser entspricht. Visuell wird sich nicht viel ändern, aber vermutlich an den Formaten und Art der Beiträge, sowie vielleicht der Seitenstruktur. Zurzeit lässt sich schwer sagen, ob es wieder ähnlich im Sand verläuft, wie die ersten Anläufe, hier etwas zum Laufen zu bekommen. Coming soon: Fabians Blog reloaded.




Montag, 27. März 2017

Hin und Zurück - Die LBM 2017




Normalerweise bedeutet Leipziger Buchmesse Mittwoch in der Stadt anzukommen und vier bis fünf Tage komplett in der Rolle als Autor aufzugehen, bis es montags zurück in die Heimat geht. Dieses Jahr schrumpfte mein Aufenthalt auf eine deutlich kürzere Zeit. Mancher wäre erleichtert; für mich war es schade. Viele FreundInnen verirren sich nur da (oder höchstens noch zur Buch Berlin) in meine nähere Umgebung und selten ist die Verlagswelt so greifbar, bevor sie wieder für den Großteil des Jahres zu einem digitalen Abbild in den sozialen Medien zusammenfällt. Umso wertvoller also dieser verknappte Ausflug.

Es hat sich schnell gezeigt, wie sehr es sich lohnte. Die überwiegende Zeit zog ich mit Fräulein Chef - also known as Ingrid „ich mag Äxte“ Pointecker - über die Messe. Wie so oft bei unseren Treffen wurde aus sehr kleinen Ideen rasch reife Pläne. Mal sehen wie sie gedeihen - die Verschlusssache begann ähnliche bescheiden. Unsere Runden führten uns erstaunlich wenig durch den Phantastikbereich, aber Leipzig bietet schließlich auch deutlich mehr. Besonders das Antiquariat, sowie die ZeichnerInnen und DruckerInnen in den anderen Hallen sind den Besuch oft wert. Dabei blieben viele Begegnungen flüchtig - was bei diesem Kurztrip leider nicht wundert. Außerdem sind wir ja trotz aller Vergnüglichkeiten beruflich auf der Messe. Die meisten haben an ihren Ständen zu tun und ihre Aufmerksamkeit dauerhaft zu beschlagnahmen (ohne hinter dem Tresen auszuhelfen) oder gerade hier Gruppentreffen abzuhalten ist dem Kontakt mit den LeserInnen selten zuträglich. Viele Begrüßungen wurden damit gleichzeitig Abschiede, da klar war, dass es bei einer kurzen Stippvisite bleiben würde. Doch schmerzt es vor allem bei meinen Verlegern - tut mir leid Torsten, Jürgen, Alfons - nur Glück, dass ich zumindest von Grit Richter und Jens Bolm (und eben Ingrid, wie oben erwähnt) etwas mehr hatte. Nicht zuletzt habe ich die Synticfaye Trudy Wenzel, meine Illustratorin für die Steampunk Akten, viel zu kurz gesehen. Dafür konnte ich ihr aber den 2. Band ihrer Skizzenheft-Reihe abknöpfen. Schon der erste Teil war toll - hier jedoch wird noch eine deutliche Steigerung sichtbar. Vielleicht hat sind für den geneigten Sammler einige Exemplare übergeblieben

Jedenfalls wird meine Anwesenheit im Großen und Ganzen unbemerkt vorüber gegangen sein. Den einzigen Beleg meines Besuchs lichtete Janika Hoffmann ab (siehe rechts). Danke dafür! Danke gleichfalls der Organisation des Fantastischen Independent Lesetags von Acabus, Amrûn und Wölfchen Verlag, sowie dem Team des Darkflower, nicht nur für den Gin Tonic to go für die Rückfahrt, welche viel zu schnell nach der Lesung und einem Gespräch mit der wunderbaren Susanne Pavlovic kam.

Was mich zuletzt noch positiv überraschte war die Fantasy Leseinsel - nachdem Streit der Buchmesse mit Werkzeugs und dem folgenden Zerbrechen der Kooperation hatte ich die schlimmsten Erwartungen. Vermutlich liegt einiges meiner Befürchtungen allerdings darin begründet, dass die dramatische Phase dieses Streits nur äußerst fragmentarisch zu mir durchdrang, da ich mich damals tief in das brandenburgische Niemandsland zurückgezogen hatte. Später waren die Fäden nur schwer zu entwirren. Ich habe mir selbst die Angelegenheit nie komplett nachvollziehbar machen können - jedenfalls nicht so, dass es für eine qualifizierte Meinung ausreichte. Eines ist aber klar: Es war eine enorm kritische und unangenehme Situation für die Phantastikszene auf der Leipziger Messe. Ein Glücksfall, dass PAN hier einsprang. Da wurde Großartiges geleistet - in der Autorenlounge war es wirklich angenehm und diverse Verlage mussten nicht auf die traditionellen Eckstände verzichten. Dennoch fiel auf, dass gefühlt deutlich weniger Publikum den Weg zu uns fand, welches im Schnitt jünger und weniger divers war. Der Eindruck mag jedoch dem kurzen Aufenthalt geschuldet sein - die in der Regel stärksten Andrangzeiten habe ich verpasst. Wo letztlich die Ursache liegen könnte, bräuchte eine Erörterung auf einer breiteren Basis, meine einzelne Perspektive bleibt unzureichend.  Alte Fragen kommen trotzdem hoch: Ob zum Beispiel der Vorteil eines Anlaufpunktes für die Szene als Gesamtheit nicht mit einer gewissen Isoliertheit einen zu hohen Preis fordert - oder ob ein Auflösen dieser Grenzen nicht wünschenswert wäre, um sich bewusst mit dem Rest des Literaturbetriebs zu mischen und zu verflechten, auf die Gefahr hin in dieser Welt vielleicht oder vielleicht auch nicht unter- und verlorenzugehen.
~ Fabian, 27. März, 7:00


Ein Sneak Peak auf kommende Dinge


Sonntag, 19. März 2017

Der Mediaevist und der Ritterorden





Es ist schon eine ganze Weile her, dass ich „Das Wunder von Malta“ geschrieben habe. Ich stand noch ganz am Anfang meiner Autorenkarriere - meine beiden ersten Texte „Der verbotene Tanz“ (Aeternica Verlag, nicht mehr im Druck) und „Der Gärtner“ (Wölfchen Verlag) waren gerade erschienen - und in meinem Geschichtsstudium begann gerade das 3. Semester. Rückblickend legte ich damals das Fundament des Lebens, dass ich heute führe. Ich bin sehr dankbar für jene eher ruhige Lebensphase, in der ich nicht in tausend Nebenschauplätzen gebunden war und ich mich damit beschäftigen konnte, wie der Hasen in diesen Bereichen so lief. Seinerzeit, genauer gesagt in den letzten Tagen vor dem Jahreswechsel 2012/13 entstand auch „Das Wunder von Malta“. Es war eine Kurzschlussreaktion. Ich war relativ spät (oder früh) von der sogenannten „Weltuntergangsparty“ heimgekommen, die die HistorikerInnen um 21.12.2012 veranstaltet hatten. Es war ein gut gewähltes, wenn auch glücklicherweise ironisches Motto für eine in meiner Erinnerung legendären Weihnachtsfeier, der ich in der kürzlich erschienenen Geschichte „Die 13 Briefe des Paul Marinus“ im Fantasy Lesebuch 4 vom Verlag ohneohren zumindest in ein paar Nebensätzen ein Denkmal gesetzt habe. Jedenfalls waren Endorphine und Adrenalin nach dem Abend noch nicht verraucht und statt Schlaf fand ich in den Tiefen des Internets zufällig diese Ausschreibung. Die Idee passte mir sofort: Alternative Geschichtsverläufe und Ritterorden? Das passt. Ich stehe zwar eigentlich gar nicht so sehr auf Ritter oder Orden - fachlich waren sie bisher höchstens als Teilbereich interessant, mein Fokus lag mehr auf Migration, Kulturellem Gedächtnis und interdisziplinären Verbindungen zur Neurowissenschaften (ja - das gibt es in der Mediaevistik). Aber gerade damals verkörperten Malteser, Templer oder der Deutsche Orden auf gewiss klischeehafte Weise etwas anderes für mich: Das Mittelalter. Eben jener Epoche, die ich mir in meinem Studium schon sehr früh als Schwerpunkt erwählt hatte.

Man möchte meinen, dass dieser Epochenfokus arg stereotyp wäre. In der Tat ist die Schnittmenge von StudentenInnen recht groß, die gerne Fantasy lesen und die man mit einer deutlichen Regelmäßigkeit in den Seminaren mediaevistischer Lehrstühle antrifft. Ich kann schlecht für andere reden; mir fehlt jede zufriedenstellende Erklärung für dieses Phänomen - es gibt da höchstens Verdachtsmomente. Geschmackliche Übereinstimmung in gewissen Stoffen und natürlich auch den Wurzeln von Tolkiens Erbe, die tief in mittelalterliche Sedimente reichen. Mein Weg führte mich, lassen wir jetzt einmal Wahlverhalten nach unterbewussten Präferenzen beiseite, eher zufällig in diesen Bereich der Vormoderne. Angetreten war ich ohne ein Interesse für ein besonderes Zeitalter - das passte gar nicht in mein Konzept vom Lehramt (damals wollte ich tatsächlich um jeden Preis zurück an die Schule). Das änderte ein einzelner Dozent innerhalb meines ersten Seminars sehr schnell. Er entfachte meinen Hunger zu forschen und die Lust an Theoriedebatten. Das Mittelalter wurde für mich zu einem Labor, in welchem wissenschaftliche Methode entwickelt und angewandt werden konnten. Gleichzeitig kapierte ich, wie viel diese Zeit mit unserer Gegenwart zu tun hat, wie viel wir dort über uns selbst lernen können. Kurzum: Ich begann mich mit dieser Teildisziplin der Geschichtswissenschaft zu identifizieren, die als Mediaevistik bekannt ist. Wie hätte ich den Maltesern widerstehen können? Trotz der engen Deadline musste ein Text raus und tatsächlich schaffte ich es am Silvesternachmittag eine fertige Geschichte zu produzieren und noch Feedback einiger Betaleser einzuholen. Ich drückte auf „Senden“, gerade bevor ich mich zur alljährlichen Feier bei russischen Freunden aufmachte.

Nun liegt der Winter 2012/13 schon eine Weile zurück. Die Auswertung der Ausschreibung hat eine ganze Weile gedauert (siehe hier für knappe Hintergründe). Das ist okay - solche Dinge passieren einfach - life happens. Doch besonders der zeitliche Abstand macht den Rückblick auf die Geschichte so interessant. Mir fallen viele Punkte an dem Text auf, die mich immer noch oder speziell jetzt wieder beschäftigen. Da ist die Angelegenheit der friedlichen Koexistenz der Religionen, ja vielleicht sogar der Wunsch, dass alle Gläubigen und auch Atheisten (zu denen ich mich selber zähle) im gegenseitigen Austausch unserer Zivilisation gestalten. Eine Utopie, aber eine an der ich zurzeit glücklicherweise an unterschiedlichsten Fronten ein winziges Stückchen mitwirken darf.  Außerdem musste ich mich für diese Kurzgeschichte damit auseinandersetzen, wie man in wenigen Worten (und wenig Recherche Zeit) einen abweichenden Geschichtsverlauf an die LeserIn vermittelt. Ein Problem, dass ich wohl auch den Teilnehmern meiner eigenen aktuellen Ausschreibung zu den "Steampunk Akten Asien" übergehalst habe. Bei dieser Story habe ich Glück gehabt - es hat in 10630 Zeichen bzw. in 1637 Wörtern funktioniert. Und das relativ unverkopft. Eine Qualität, die mir ab und an, abhandenkommt. Natürlich steht Weltenbau dadurch etwas zurück. Das wäre in anderen Storys schade, dennoch war es hier die richtige Entscheidung. Im Zentrum des „Wunders von Malta“ steht eine Geiselnahme (so viel sei verraten) und größere Exkursionen würde Spannung und Geschwindigkeit der Szene verderben. Als ich den Text damals einreichte hielt ich das für seine Schwäche. Einige Reflexionen später und auch mittels der anhaltenden Befürwortung dieser Eigenschaft durch meine beste Freundin habe ich die Stärke darin erkannt.

~ Fabian, 19. März, 17:00

„Das Wunder von Malta“ ist bei p.machinery in der Anthologie „Das Kreuz der Malteser“ erschienen. So liest sich die offizielle Ankündigung:


Bis zum Ende des 18. Jahrhunderts waren die Johanniter von vielfältigen geschichtsträchtigen Ereignissen umgeben. 1099 waren sie an der Eroberung Jerusalems beteiligt. 1522 wurden sie von den Osmanen von Rhodos vertrieben. 1530 siedelten sie sich auf Malta an. 1565 besiegten sie die Osmanen in der Großen Belagerung (Great Siege). 1798 musste der einzige deutsche Großmeister, Ferdinand von Hompesch, gegenüber Napoleon Bonaparte kapitulieren und Malta mit seinen Rittern verlassen.
Vor allem in der Zeit nach 1565 wurden die Johanniterritter als Retter Europas betrachtet. Die Große Belagerung Maltas galt als einer der Wendepunkte in der Geschichte der Eroberung Europas durch die Osmanen.

Im 19. Jahrhundert verloren die Malteser an politischer Bedeutung. Und heute kennen die meisten Menschen nur noch die Hilfsdienste der Malteser und Johanniter. Aber auch der Ritterorden existiert noch - und die zwölf  Autoren in dieser Anthologie beantworten jeder für sich die Frage, welche Rolle die Ritter in der heutigen Zeit spielen würden, wäre die Geschichte ein wenig anders verlaufen.

Kurzgeschichten
Anna Eichinger: Memory
Karsten Beuchert: Die versäumte Ermordung Seiner Majestät Zar Paul I.
Fabian Dombrowski: Das Wunder von Malta
Michael Alois Ortner: Agent Electrique
Cairiel Ari: Der schwarze Fluch
Michael Edelbrock: Das Gelübde der Malteser
Susanne Münch: Neue Hoffnung für Europa
Enzo Asui: Newtons letztes Leckerli
Olaf Lahayne: Agios Nikolaos
Lily Beyer: Agathas Kreuz
Galax Acheronian: Wahrer Wert
Paul Sanker: Rico

Das Titelbild schuf Uli Bendick

Mittwoch, 15. März 2017

Warum und Wie recherchieren in vier Schritten




Recherche ist so eine Sache für sich. Gerade seit ich Herausgeber der „Steampunk Akten“ Reihe geworden bin, wurde dieses Thema wieder öfter an mich rangetragen - oft als Problem oder Kritik formuliert. Das war nicht unerwartet nach Erfahrungen mit der „Verschlusssache“ und es spiegeln sich da ja grundsätzliche Positionen der LiteratInnen. Es gibt AutorInnen, die darauf schwören, und AutorInnen, denen gilt sie als Hindernis ihrer Kreativität. Ich gebe zu, dass es mir schwerfällt, in dieser Hinsicht neutral zu bleiben ... okay, ich versuch das eigentlich auch gar nicht. Die Idee, etwas Vernünftiges zu schreiben, ohne sich damit auseinanderzusetzen, scheint mir mehr als absurd. Da existiert kein Unterschied zwischen den phantastischen und realistischen Genres. Soweit ist das (hoffentlich) nicht kontrovers.

Hitziger werden die Gemüter schon, wenn man über das notwendige Ausmaß der Recherche ins Gespräch kommt. Reichen Doktor Google und Professor Wikipedia? Können Dokumentationen auf YouTube einige Lücken puffern? Oder führt der Weg letztlich doch in die Fachabteilungen der Bibliotheken? Manchem ist das deutlich zu viel Arbeit - für „nur“ eine Kurzgeschichte oder „nur“ einen Unterhaltungsroman. Es ginge ja in erster Linie stets um die Geschichte! Das stimmt. Leider nützt der beste Plot nichts, wenn sein Setting für die LeserInnen nicht als lebendiges Abbild einer wie auch immer gearteten Welt erfahrbar wird. Hier bemerkt man schlechte Recherche sofort. Es ist meistens dieses untergründige Gefühl nur SchauspielerInnen auf einer Bühne zu beobachten, die gar nicht so recht zur Erzählung und ihren ProtagonistInnen passen will. Gerade bei historischen Stoffen oder Rückgriff auf einen Alltag, den das Publikum selbst erlebt oder erlebt hat.

Es ist natürlich einfach zu jammern, ist man üblicherweise in einem Berufsfeld unterwegs, wo Recherche mindestens ein Drittel des ganzen Jobs ausmacht. Schnell ist vergessen, wie monströs, undurchdringlich und überwältigend die Aufgabe im ersten Semester Geschichtswissenschaften war. Es war lähmend. Und interessanterweise habe ich bemerkt, dass die Erstsemester in meinen Einführungskursen, ihren Widerwillen zu einer wirklich intensiven Recherche oft sehr ähnlich wie die AutorInnen äußern. Und klar: Recherche kann langweilig und schwierig sein. Aber keine Panik! Das bekommen wir in den Griff - ist ja irgendwie mein Brotjob, das zu erklären.

Im Folgenden wird dieser Blogbeitrag einer sehr idealtypischen Recherche folgen, also vorstellen, wie es laufen könnte. Es eine Variante von vielen, aber eine die mir sowohl in Wissenschaft als auch Literatur bisher gute Dienste erwiesen hat. Ich werde mich auf wesentliche Basics beschränken und vor allem Teile betonen, wo ich den Eindruck habe, dass sie in den meisten Rechercheprozessen eine untergeordnete oder gar keine Rolle spielen. Der besseren Verständlichkeit wegen führe ich es an einem historischen Thema aus, in dem ich mich auskenne: Die Einwanderung der Goten in Imperium Romanum. Zwar habe ich darüber bisher nur wissenschaftlich gearbeitet, aber warum sollte sich der Rechercheprozess unterscheiden? Der Unterschied liegt darin, was man mit dem Material anfängt. Jedoch keine Sorge: Gleichzeitig werde ich aber immer wieder auf Nützliches für die aktuelle Ausschreibung zu den „Steampunk Akten: Asien“ verweisen.


Der Essenstisch nach dem ersten Aufsatz zu den Goten.
Ein kleiner Teil des recherchierten Materials
  

Erster Schritt: Vorarbeiten

Am Anfang hat man natürlich ein Thema, eine Idee, irgendeine grobe Ahnung, in welche Richtung es gehen soll. Vielleicht hat man schon eine Inspiration oder es gibt da diese unglaublich coole Ausschreibung bei einem supersympathischen Kleinverlag, zu der man unbedingt etwas beitragen möchte. Es ist völlig egal, wie genau dieser erste Anstoßpunkt aussieht, aber er muss existieren. Er wird unser Absprungbrett für die Recherche sein. Ich kann mir allerdings schwer vorstellen, dass es AutorInnen hieran mangelt.

a) Ließ dich ein!

Google und Wikipedia stehen nicht im Ruf, die beste Wahl als Recherchemittel zu sein. Das heißt aber nicht, dass sie keinen Nutzen haben! Am Anfang empfiehlt es sich, einfach mal ein grobes Gefühl für das Thema zu bekommen. Dafür ist es überhaupt nicht verwerflich sich durch oberflächliche Darstellungen zu graben und ab und an finden sich hier gleichfalls schon einige exakter informierte Seiten. Ihre Zahl hat in den letzten Jahren sicher zugenommen, aber es fällt gerade im Zeitalter von Fake News und Alternativen Fakten immer schwerer, sie von dem mannigfaltigen Bullshit da draußen (auch außerhalb der digitalen Welt) zu differenzieren. Empfehlenswert ist, ein Dokument zu führen, um Links und Notizen abzulegen.

b) Zerlege dein Thema!

Als Nächstes ist zu überlegen, was zentrale Teilbereiche des Themas sein können. Aus welchen Einzelbausteinen setzt es sich zusammen. Von welchen Dingen verstehe ich schon was? Welche sind mir absolut mysteriös? Um das an meinem Thema kurz zu demonstrieren. Um mir die Einwanderung der Goten zu erklären, muss ich mich mit dem römischen Imperium beschäftigen, seiner Politik, seinem Militär, seinen Kulturen, und gleichzeitig mit allem, was wir über die Goten wissen. Davon ausgehen müsste ich mir natürlich auch Gedanken um die Beschaffenheit der Grenze machen, ihrer Geographie, der Struktur römischer Grenzposten, den nahen Siedlungen. Ich könnte schauen, welche Kontakte zwischen Römern und Goten es hier vorher schon gegeben hat, hat es etwas mit Handel zu tun, mit Krieg oder Religion? Und immer ganz besonders relevant: Welche Personen waren eigentlich an dem Ereignis beteiligt!? Das sind viele Fragen, und man weiß gar nicht, ob sie einen überhaupt weiterbringen. Zu diesem Zeitpunkt geht es aber noch gar nicht darum, Antworten zu finden, sondern nur eine Liste von Fragen aufzustellen, die später wichtig werden könnten.

c) Ordne dein Thema ein!

Manchmal ist es schwer, zu einem sehr speziellen Thema etwas zu finden. Das liegt meistens daran, dass bisherige AutorInnen darin nur eine Episode in einer größeren Geschichte gesehen haben. Es kann leicht der Eindruck entstehen, niemand hat sich je die Mühe gemacht, den Grenzübergang beim Fort Durostorum (heute Silistra in Bulgarien), wo die Goten 376 die Donau überquerten genauer zu beschreiben. Das stimmt nicht. In diversen Texten gibt es kurze Verweise oder sogar ganze Kapitel. Sie tragen allerdings Titel wie „Geschichte der Goten“ oder „Rome`s Gothic Wars“. Es ist offensichtlich in diesen Büchern danach zu suchen, dennoch sollte man die Augen nach weiteren Großkomplexen offen halten, in denen man Material finden könnte. Klassisch wäre sich in der Völkerwanderungsforschung umzuschauen oder in der Literatur zu den sogenannten „Germanen“. Manche würden behaupten, diese Migrationen hätten den Untergang Roms herbeigeführt. Ich halte von letzterer Position nicht viel - doch das heißt nicht, dass es schadet, sich in Werken dazu umzutun. Wie aber auch beim vorigen Punkt gilt aber, es geht noch überhaupt nicht darum Werke zu finden, sondern abzuwägen, welche Themen in Verbindung damit stehen.

d) Überlege dir zentrale Stichwörter

An diesem Punkt sollte sich eine Art von Spinnennetz aus wesentlichen Ideen, Überbegriffe und Unterthemen gebildet haben. Bestimmte Begriffe sind einem dabei aufgefallen, vielleicht sogar ständig untergekommen: Personennamen, Ortsbezeichnungen, Fachbegriffe, Fremdwörter, Völkernamen, Phrasen, Ereignisse. Diese Stichwörter sind das Fundament jeder guten Recherche. Umso sorgfältiger sie identifiziert und zusammengestellt wurden, umso problemloser wird die eigentliche Literatursuche erfolgen. Wobei es jedoch unwahrscheinlich ist, dass man an dieser Stelle einen Anspruch auf Vollständigkeit erheben könnte. Genauso kann es aber passieren, dass sich Begriffe als sinnlos erweisen. Dennoch braucht es diese Zusammenstellung.

Zweiter Schritt: Bibliographien

Um nun fortzufahren, ist erstmal gut zu wissen, was eine Bibliographie ist. Jedoch werden wir dabei nicht ganz zum Urschleim ihrer Entstehung zurückgehen. Dafür gibt es dann tatsächlich Wikipedia. Es genügt, dass Bibliographien heutzutage Datenbanken sind, in denen alle Titel verzeichnet werden, die zu einem speziellen Feld gehören. Wer sich schon ein wenig mit Literaturrecherche beschäftigt hat, mögen jetzt Bibliothekskataloge einfallen. Das ist explizit nicht gemeint! Man kann gar nicht genug betonen, dass Bibliothekskataloge und Bibliographien zwei unterschiedliche Dinge sind. Bibliographien sind stets der erste Anlaufpunkt - erst danach geht es an den Bibliothekskatalog (oder zum Buchhändler). Warum nicht der Griff zu den Ressourcen der Bibliotheken? Deren Kataloge sind oft durch die Vielfältigkeit der Fachbereiche, die eine solche Einrichtung abdecken muss, nur sehr oberflächlich. Man findet Stichwörter meist nur, wenn sie im Titel stehen; alles andere ist oft mehr Glück. Das hat auch nichts mit minderwertiger Arbeit zu tun, sondern damit, dass dort pragmatisch vorgegangen wird. Eine Bibliographie wird einem dahingegen oft auch auf ein Buch aufmerksam machen, obwohl das gesuchte Thema darin nur in einem Kapitel abgehandelt wird.

Wie geht man nun mit einer Bibliographie um? Im Grunde funktioniert es fast wie jede andere Suchmaschine - also z.B. Google. Es gibt ein Fenster, in dem man die Stichwörter, die man sich im ersten Schritt überlegt hat, in jeder erdenklichen Kombination eingibt. Dann sollte die Bibliographie zu diesen Suchbegriffen passende Literatur anzeigen. Viele Bibliographien haben erweiterte Suchfunktionen, wo man z.B. nach einem einzelnen Autor suchen kann (besonders nützlich, wenn bereits bekannt ist, dass diese Person viel in dem Feld geschrieben hat). Das Beste ist, sich erstmal eine Weile mit der jeweiligen Bibliographie auseinanderzusetzen, wenn man sie zum ersten Mal benutzt - oder länger nicht mehr auf sie zugegriffen hast.

Eine wichtige Entscheidung bei der Arbeit, die relativ früh getroffen werden sollte, ist, welche Bibliographien für ein Thema am brauchbarsten sein werden. Es gibt sowohl themen- als auch epochenspezifische Datenbanken. Und manchmal mag man zu schnell einen Mangel an Forschungsliteratur für ein Thema diagnostizieren, obwohl man einfach nur noch die richtige gewählt hat. Für die Goten kamen da üblichen Verdächtigen der Mittelalterforschung in Frage: das OPAC der Regesta Imperii, Oldenbourgs Historische Bibliographie Online, die diversen Hilfsmittel die BREPOLIS den MediaevistInnen von heute zur Verfügung stellt, sowie l’année philologique und die IBZ (International Bibliographie der Zeitschriftenliteratur). Wer die Links anklickt, wird feststellen, dass einige Angebote kostepppflichtig sind bzw. in diesem Fall alle bis auf die Regesta Imperii und Oldenbourg. Universitäten und andere akademische Einrichtungen organisieren ihren Angehörigen oft über Lizenzrechte Zugang, daher ein guter Vorteil. Die Kosten wären als Privatperson nicht zu decken. Das ist schade - gerade zum Beispiel in der IBZ findet sich immer was. Jedoch kommt man mit den kostenlosen Alternativen in der Regel durchaus zu Recht. Eine umfassende Liste von Bibliographien (mit und ohne Gebühren) hat übrigens die Uni Regensburg zusammengestellt, hier einsehbar.

Empfehlungen für die „Steampunk Akte: Asien“ könnten da sein die Korean Bibliography, die China Bibliography und andere, aber auch die EVIFA oder wieder besonders empfohlen Oldenbourgs Historische Bibliographie Online. Zusammen mit den Literaturangaben unter diversen Wikipedia-Artikeln sollte sich schon ein grobes Bild der wichtigen Titel ergeben. [Falls noch jemand Empfehlungen hat, nehme ich sie gerne auf]

Dritter Schritt: Ordnen und Auspolstern

Im Idealfall hat man nun eine Liste mehrere Bücher und Aufsätze. Nun ist meiner Erfahrung nach keine Recherche eine gute Recherche, die einen nicht mindestens zwei, drei mal zu ausführlichen Besuchen der Bibliothek getrieben haben. Das ist für die eine oder den Anderen sicher eine schwierige Angelegenheit. Wer in einer Groß- oder Universitätsstadt lebt, der hat eine ordentliche Bibliothek vor Ort. Ich könnte mich jetzt elitistisch auf den Standpunkt stellen: Pech gehabt. Aber das ist ja keine Lösung. Leider kann ich nur auf die marginal bessere Option von Portalen wie JSTOR verweisen, die weit entfernt von preiswert sind. Ich muss wohl zugeben in der Großstadt aufgewachsen zu sein und nie in der Notwendigkeit stand, ohne ihre Vorzüge auszukommen. Daher musste ich auch nie ein Werk in den Buchladen bestellen und spontan entscheiden, ob ich es kaufe oder nicht. Ich würde auch nie empfehlen, alles anzuschaffen, was auf der Rechercheliste landet - mir zumindest fehlt das Einkommen dafür, so eine Heimbibliothek zuzulegen (nicht das ich es an Versuchen mangeln lassen würde).

Bevor man irgendwas erworbenes oder geliehenes Heim nimmt, sollte man es sich erstmal genau anschauen. Oft erweist sich erst an der Stelle, ob ein Buch wirklich hilfreich sein wird oder nicht. Ist ein Kapitel für meine Recherche überhaupt vorhanden? Setzt das Buch einen Fokus, aus dem ich was gewinnen kann? All das kann in der Bibliothek entschieden werden. Meistens wird man auch aus den Einleitungstexten und Quellenverzeichnissen der Fachwerke schnell feststellen, dass es für viele Themen so zwei bis drei zentrale Autoren gibt, die einem als grobe Orientierung durch möglicherweise unbekannte intellektuelle Territorien bringen. Für die Goten waren das einerseits Walter Goffart, Michael Kulikowski und Arne Søby Christensen, sowie Herwig Wolfram und Walter Pohl auf der anderen Seite. Der tatsächliche physische Besuch in der Bibliotheken hat jedoch auch andere Vorteile, außer sich über einen gesammelten Literaturbestand in konzentrierter Atmosphäre hermachen zu können und die vorher recherchierte Liste auszuwerten. Es ist das sogenannte Schneeballprinzip. Es mag ein banaler Fakt sein, aber Bibliothek sind sortiert. Das heißt neben einem Buch zur Geschichte der Goten stehen vermutlich weitere, derer ich mir vorher nicht bewusst war. Die Menge der verfügbaren Informationen vervielfältigt sich damit schlagartig. Oft gelingt erst hier der vollständige Überblick über ein Feld zu gewinnen - gerade durch das Durchsehen der Anfänge (oder der betreffenden Kapitel) einige essentieller Bücher in Kombination mit dem Schneeballprinzip.

Vierter Schritt: Lesen, lesen, lesen und vor die Tür gehen

Im besten Fall hat man nun einen guten Haufen Literatur beisammen. Muss man das alles lesen? Nein. Wenn in einem dieser Bücher nur ein Kapitel nützlich ist, liest man eben nur das, große Überblickswerke am ehesten überfliegen und an den interessanten und wichtigen Stellen genauer werden, das Wort der Stunde ist: Selektiv lesen. Es wäre unglaublich gut, wenn einem das Leben die Zeit gäbe, wirklich jede Seite eines guten oder tauglichen Werkes zu verschlingen. Manche sind ja tatsächlich hervorragend geschrieben und ein Genuss, der es mit jedem Roman aufnehmen kann. Es gibt durchaus HistorikerInnen, die das drauf haben. Aber manchmal spricht ja nichts dagegen, wenn sich Freizeit- und Berufslektüre überschneiden (ich würde die Recherche für das literarische Schreiben auf jedem Fall Letzterem zuschlagen). Trotz der Masse oder vielleicht auch teilweisen schweren Zugänglichkeit sollte man sich nicht abschrecken lassen. Um die intensive Beschäftigung mit der Literatur wird man jedenfalls nicht rumkommen. Es gilt sich mit ihr hin- und auseinanderzusetzen.

Das ist zumindest der Teil der Recherche, der sich daheim erledigen lässt. Wie ich aber diese Woche schon an anderer Stelle darstellt, ist noch niemand ein guter Schriftsteller geworden, der nicht am Leben teilnimmt. Das fängt ja im Grunde bei der Literatur an. Darüber reden, was man da so gelesen hat, kann den Mehrwert der Lektüre noch wesentlich erhöhen. Himmel, die wichtigsten Erkenntnisse hatte ich nie beim Lesen, sondern meist bei mit Wein und Schnaps angereicherten Diskussionen mit Freunden über diese Texte nach Feierabend.  Doch das gilt auch weit über diese Gespräche hinaus: In unserer Komfort Zone können wir einfach nicht bleiben - da wird der eigenen Kreativität immer etwas mangeln. Wir müssen raus. Den Arsch hochbekommen. Und das ist genauso Teil der Recherche. Wer mehr dazu wissen will, folge mir gleich zum nächste (bzw. letzten Artikel hier).

~ Fabian, 15. März, 6:30

Ein Blick in mein Recherche-Notizbuch

Sonntag, 12. März 2017

Unterhaltung ohne Leben




Bei diesem Beitrag handelt es sich um das beschließende Essay der Blogreihe "Phantastische Realität", in der das Verhältniss von Realität und dem Genre der Phantastik unter die Lupe genommen wurde. Die Beiträge bilden eine große Breite an Facetten dieses Komplexes ab. Eine Liste der Beiträge findet man hier.






Unterhaltung ohne Leben
- Verloren im Labyrinth ewig wiederkehrender Topoi -


“Of course it is happening inside your head, Harry, but why on earth should that mean that it is not real?”[1]

I. Der Traum von ernsten Spielen

Die eine oder der Andere mag davon gehört haben: Wir AutorenInnen des Phantastik-Genres haben ein minimal problematisches Verhältnis zu den Kategorien Literatur und Unterhaltung. Wir müssen reden.

Ich habe mich die längste Zeit geweigert, zwischen diesen sogenannten Niveaus oder Qualitäten eines fiktiven Textes zu unterscheiden. Macht gutes Entertainment nicht einen Bestandteil guter Literatur aus? Unterhält intellektueller Anspruch nicht ebenso wie das große Abenteuer? Vielleicht war mir das Problem, das mich seit einigen Monaten beschäftigt, daher bisher unbewusst. Denn ohne diese beiden Kategorien anzunehmen, ist der Diskurs schlicht unzugänglich, der sich hinter Worthülsen wie Eskapismus, Trivialität, Verfremdung, magischen Realismus, Fantasy, Science-Fiction und vielen weiteren verbirgt. Greifen diese Kategorien auf das eigene Denken aber erst einmal über, wird Entkommen eine Unmöglichkeit.

Es geht dabei um nicht weniger als die Herzen der LeserInnen und KritikerInnen - und um deutlich mehr als bloße Verkaufszahlen. Etwas minder romantisch formuliert: Wir wollen Legitimität für ein Geschichtenerzählen, das Mal nur ganz subtil den Realismus subversiv unterwandert, dann wieder krass Naturgesetze bricht, manchmal gar neue kreiert und sich gleichzeitig zur „Hohen Literatur“ zählen darf. Wir wollen nicht als unbekümmerte Kindereien abgetan werden, sondern an dem ernsten Spiel teilnehmen, die Welt durch Fiktion zu verstehen. Doch können wir nicht parallel tief in die Trickkiste von Drama, Spannung und Witz greifen? Anscheinend nicht, wenn man so einige Argumentation betrachtet; denn damit würde man zur bloßen Unterhaltung verkommen, manche würden sagen, Schund. Es braucht eben Gravitas, feierlichen Ernst, Seriosität auf Schritt und Tritt sowie absoluten Realismus. Nur warum überhaupt Fiktionen schreiben, will man das echte Leben haargenau getreu abbilden? Und seit wann ist eine Erzählung weniger wahr, nur weil sie unseren Gedankenwelten entstammt?

Die geneigte LeserIn wird es schon gemerkt haben: Dieses Feld ist für die Phantastik-Szene nicht nur minimal problematisch. Es bietet für vieles vielleicht sogar eine (Teil-)Erklärung. Zum Beispiel die anhaltende Rechtfertigungshaltung für unser Genre oder die gewisse Isoliertheit vom Rest des Literaturbetriebes. Mich stört daran einiges. Und trotz das dazu bereits eine Menge Tinte vergossen wurde, möchte ich in diesem Essay - und es wird ganz bewusst ein Essay - meine manchmal argumentierte, manchmal sprunghaft assoziierte, teils polemisierte und daher auch oft subjektive Perspektive aufrollen. Obwohl mir die bewundernswerte Fähigkeit gegeben wurde, schon mit Darstellungen meiner Meinung zielsicher alle Fettnäpfchen zu finden (schweigen wir mal von den Ergebnissen direkter Kritik), möchte ich doch auf etwas hinaus. Ein Quant Provokation schadet da selten. Ohne ihn bekommt man nicht häufig, man verzeihe mir den Ausdruck, den Arsch hoch. Und genau darum geht es. Um es kurz vorwegzunehmen: Ich sehe den Weg nur darin sowohl unsere individuelle als auch die Komfortzone unserer Szene gezielt hinter uns zu lassen. Bevor wir aber zu diesem Punkt kommen, beginnen wir noch einmal von vorne. Diesmal mit Gefühl.

II. Der Stress der Veränderung

„Nicht schon wieder“, werden einige aufstöhnen, wenn sie durch den einleitenden Absatz überhaupt bis hier durchgedrungen sind, „Nicht schon wieder eine Klage übe jene ach so unberechtigte Herabwürdigung des phantastischen Genres.“ Doch die Menge der Texte, die diesen Konflikt diagnostizieren, ist bereits eine Feststellung für sich - egal ob sie die zwei Sphären Literatur/Unterhaltung nun hart trennen oder in Überschneidung bringen. Es drängt sich die Frage auf: Warum hat sich kaum etwas an dem Sprung getan, die Phantastik in die Akzeptanz als „Hohe Literatur“ machen wollte (was auch immer das sei). Selbstverständlich sahen hier und da großartige Einzelbeispiele das Tageslicht, die diese Hürde überwanden. Doch ansonsten hört man: Es hätte sich wenig geändert; der Generalverdacht gegen das Genre sei ungebrochen. LeserInnen und AutorInnen klagen oft genug: Die Verlage lassen keine Innovation zu, sie wollen die Storys mit Teen-HeldIn, Lovestory und im Trilogieformat. Dann ist wieder die konservative LeserIn schuld, „die mögen ja nichts anderes.“ Selbstverständlich schiebt sich die Schuld auch gern den Autoren zu, die wenig einfallsreich auf diverse Trends vom Vampir-Kitsch bis zur Möchtegern-Dystopie mit Kasten- oder Distriktsystem nach Wahl aufspringen. All das ist von Fall zu Fall wahr und dann wiederum falsch. Generalisierungen helfen hier nicht weiter - tun sie ja selten. Etwas jedoch irritiert mich jedes Mal an diesen Antworten: Sie kommen ohne Zögern oder sichtbare Zweifel. Fest und tief sind sie in ein kollektives Gedächtnis der Szene eingeschrieben. Brodelt eine Diskussion hoch, werden sie wie eingedrillt aus dem Arsenal in Anschlag gebracht und abgefeuert. Es ist gerade diese Sicherheit, die mich misstrauisch macht. Hinter ihr verbergen sich nicht selten blinde Flecken und komplexere Zusammenhänge.

Am auffälligsten verbindet eines alle Argumente: Der andere ist schuld. AutorInnen klagen über Verlage, Verlage über LeserInnen, LeserInnen über AutorInnen. Jede Kombination findet sich. Doch wer sucht das Problem bei sich selbst und wer ist zu Veränderungen bereit?

Nur wenige.

Kritische Stimmen finden sich selbstverständlich, doch man überhört sie im großen Rauschen der Schuldzusprechungen und Selbstbeweihräucherung. Ich will sie hier nicht beispielhaft aufzählen - genauso wie Verweise auf negative Gegenbilder. Solche Diskussionen neigen dazu in Konflikte über einzelne Werke und Personen auszuufern, können schnell zur Hexenjagd eskalieren oder als wenig subtile Bewerbung von Freundeskreis oder gar Seilschaften wahrgenommen werden. Kurz: Trotz das sie argumentative Kraft durch Belege stärken, würden sie mir hier vom wesentlichen ablenken: Der zu knapp greifenden Reflexion der eigenen Position und dem Ziehen der Konsequenzen.

Letztens ging mir auf, dass ich das eigentlich ganz nachvollziehbar finde für eine Szene, die unter einem gewissen Stress steht.[2] Und wie anders als mit Stress lässt der Druck sich beschreiben, den anscheinend viele von uns wahrnehmen und wegen dem wir ständig in Rechtfertigungen verfallen. Ob dieser Druck real auf uns lastet, ist für den Stress egal - meistens reagieren die verteidigenden Reden gar nicht auf konkrete Angriffe, bleiben Gespräche von AutorInnen und/oder Fans untereinander. Ihnen fehlt oft ein gegebener Anlass. Eher aber als die wahrgenommene Bedrohung durch einen ominösen Hegemonialdiskurs, den uns Leitmedien und Mainstream angeblich aufdrücken, legt die Art der Reaktion eine Idee von Stress nah: Eben jene Tendenz den eigenen Anteil am Zustand der Phantastik fast schon zu verleugnen. Eine doch sehr klassische Antwort auf Stress. Wir kennen das alle. Etwas macht uns zu schaffen. Wir sind gereizt, fühlen uns überfordert, vielleicht überbelastet, kraftlos, Anspannung folgt, jede Verschlimmerung muss vermieden werden. Ganz menschlich beginnen wir mit der Suche nach Ursachen. Der Blick kreist und grast die komplette Umwelt ab. Findet er etwas, beißt er sich fest. Der Schuldige ist gefunden! Irgendwer muss irgendwie immer schuld sein. Schade, dass der Suchende kaum einmal versehentlich in den Spiegel blinzelt. Es könnte helfen einen Schritt zurückzumachen und das eigene Tun im Kontext des Problems zu sehen. Passiert leider selten. Ist ja auch einfacher. Sowieso scheint, die Opferrolle zu geben, derzeit völlig unabhängig von politischer Ausrichtung, Milieu oder Herkunft die generelle Standardstrategie in jeder Lebenslage. Was nicht heißt, Schwierigkeiten seien grundsätzlich hausgemacht; aber das eigene Verhalten spielt im Umgang damit stets eine Rolle. Hängt man sich nicht zu oft an den Folgeproblemen auf, die in der Reaktion auf die eigentliche Ursache entstehen? Verstrickt man sich nicht häufig im Gemenge der Schlachtfelder und verliert den übergreifenden Konflikt aus den Augen? Hat der Stress einen erstmal erfasst, fällt es schwer die tausend Knoten zwischen den verschiedensten Fäden aufzulösen. Genau das macht das Streben nach Literaturwürdigkeit der Phantastik zurzeit aus. Primär- und Folgeprobleme scheinen kaum noch unterscheidbar und der eigene Anteil an ihrer Kreation geht den DiskutantInnen verloren.

III. Die feinen Unterschiede im Geschmack von „Hoher Literatur“

Wenn die Rhetorik der Selbstverteidigung eine Reaktion ist, worauf folgt sie? Wie eingangs erwähnt, geht mein Verdacht in Richtung der Frage, wie sich die Phantastik gegenüber LeserInnen und KritikerInnen als „Hohe Literatur“ legitimieren kann. Ganz wichtig muss eine Präzisierung nachgeschoben werden: LeserInnen und KritikerInnen, die in der Regel außerhalb des Genres stehen, also weder Teil der AutorInnenszene sind, noch deren Werke regelmäßig konsumieren. Ein Außenstehender mag verdutzt sein. Warum um die Anerkennung derjenigen werben, die nicht viel mit einem zu tun haben. Schließlich diffamieren sich unterschiedliche Denkströmungen, Literaturrichtungen und Paradigmen seit Jahrhunderten. Was den Zeitgenossen aber oft aufwühlend wie die Entscheidung zwischen Himmel und Hölle am Jüngsten Tag erschien, störte die friedliche Koexistenz im Alltag selten. Was soll also die ganze Aufregung?

Nun, vermutlich ist es nie einfach, wenn die eigene Arbeit abgewertet wird. Im ersten Moment fühlt es sich ungefragt persönlich an. Wie auch anders? Schweiß und Blut fließen in die Texte. Diese wunderbare Wirklichkeit aus Ideen, Bildern und halbverflogenen Traumfragmenten gießt sich nur gegen Widerstand in die Begrenztheit menschlicher Sprache und doch versucht man ihren Zauber zu erhalten - durch clevere Metaphern, geschickte Plottwists und subtile Beeinflussung der Imagination unser LeserInnen. Wenn das Ergebnis dieser Mühe dann vom Vorwurf der Trivialität erschlagen wird, als allein für Kinder und Jugendliche geeignet abgelehnt oder unter einem negativen gewendeten Label von Eskapismus versimpelt wird. Ich kann niemanden verübeln, gegen solche Kritik reflexhaft auszuschlagen; noch besser verstehe ich den Drang sie als unbegründet zu erweisen, ihr den Boden zu entziehen. Die Sehnsucht nach einem gegenteiligen Urteil der Kritiker ist mehr als implizit. Schließlich sind wir alle zumindest ein wenig wegen unseres Narzissmus dabei. Ohne den Wunsch nach Lob, Anerkennung und Bestätigung würde unser Geschreibsel eher in diversen Schubladen verstauben. Wir wollen gelesen werden. Kommt der Anspruch etwas Gewichtiges auszudrücken hinzu, wie viele ihm mit den großen AutorInnen verbinden, offenbart sich eine sehr eigene Dringlichkeit. Ohne sich als wahrhaftige Literatur zu legitimieren, wird dieses hoffentlich tatsächlich so Gewichtige unter hoffentlich genauso unbegründeten Vorwürfen begraben.

Genau an diesem kleinen nagenden Ehrgeiz kann vorsichtig begonnen werden, die Trennlinie zwischen den beiden Geschmäckern nachzuvollziehen, die jene voneinander scheidet, welche der Phantastik sowieso Potential belangvoller Literatur zubilligen, und jene, die es ablehnen. Sie liegt darin begründet, was dieses bedeutungsvolle Etwas auszeichnet. Der Leser mag die Antwort ahnen, ist dieses Essay schließlich Teil einer Reihe, die die Verbindung sozialer, politischer und kultureller Themen zur Phantastik nachspürt.

IV. Von der unendlichen vielfältigen Grammatik der Topoi (und Klischees)

Woraus besteht ein fiktionaler Text? Was sind die Bausteine einer Story? Nehmen wir surreale, expressionistische oder ähnliche Experimente einmal aus und konzentrieren wir uns auf das, was wir abseits der Sachliteratur meist vorfinden, schlagen wir ein Werk in der heimischen Bibliothek auf. Es sind Szenen, Situationen, belebt von Charakteren, die eine fiktionale Welt, wie eine Bühne bespielen. Doch das Leben auf dem Papier wirkt weniger willkürlich, planvoller, gelenkter als das außerhalb der Buchdeckel. Ein Plot strukturiert sieht, gibt ihnen einen definitiven Anfang und ein definitives Ende und gruppiert sie um einen oder mehrere Konflikte, die auf eine wie auch immer geartete Lösung zuarbeiten. Genau das sind die Bausteine: Situationen, Charaktere, Settings, Plot, Konflikt. Sie alle möglichst kunstvoll zu kombinieren, aufeinanderzubeziehen, zu verweben macht die Qualität einer Geschichte aus. Richtig, es macht eine an dieser Stelle reichlich unterkomplex angerissene Qualität aus. Es gehört aber noch einiges Andere dazu. Sehen wir uns aber erstmal diese Bausteine näher an.

Was mir besonders auffällt ist ihre ewige Wiederkehr. Wer hat nicht schon von blinden Sehern gelesen, vom Bauernjungen, der zum Helden auserkoren ward, und der jungen, blassen Schönheit, die einem tragischen Tod nicht entkommt. Ich übertreibe natürlich. Manchmal jedoch - und in letzter Zeit stetig mehr - scheint mir, dass wir ein sehr kleines Set von Geschichten höchstens in neuen Gewändern neu erzählen: Die Rachestory, die Schatzsuche, die Mordermittlung, die weltbewegende Romanze, der prophezeite Heiland, die Origin-Story eines jeden Superhelden. Sie laufen alle nach verdammt ähnlichen Mustern ab. Die wenige Abwechslung ermüdet. Und plötzlich kommt da dieses Buch. Eigentlich würde man es ohne Aufhebens in eine diese Kategorien einordnen - doch etwas unterscheidet dieses Werk von den anderen. Die zu einer Geschichte angeordneten Bausteine sind keine Bausteine mehr, sie sind zu etwas organischem geworden, es greift ineinander, fühlt sich irgendwie authentischer an, sozusagen ... real. Was hat sich geändert?

Sie sind nicht einfach nur Topoi mehr.

Was sind Topoi oder im Singular ein Topos? Manche würden sagen: Klischees. Und im Falle oben stehender Aufzählungen stimmt das sogar. Ständig wiederkehrend, ständig sich selbst ähnlich und manchmal ziemlich nervig. Der Unterschied liegt aber darin, dass Klischees eigentlich immer offensichtlich sind, jedem bekannt und ganz zentral: Abgenutzt bis zur Bedeutungslosigkeit. Topoi können das auch sein, treten aber genauso in subtilen Varianten auf. Zum Beispiel wenn in spätantiken Heiligenviten die Bekehrung zum Christentum den obligatorischen Wendepunkt gibt, meistens in einem Garten geschieht und der Text in einem gelassen ertragenen, sowie voller Leid geschilderten Martyrium endet. Sie müssen den Plot jedoch nicht so weiträumig erfassen. Es können Kleinigkeiten sein, wie etwa das positive Verhältnis, das der Auserwählten stets zu Tieren hat? Sprüche, die Charaktere beschreiben helfen sollen, gehören auch oft dazu: „Das ist nur ein Auftrag für mich!“ oder „ich muss da alleine durch, zu gefährlich für euch.“[3]

Beim genauen Hinsehen stellt man fest, dass alle Erzählungen zu einem Ensemble solcher Topoi runtergebrochen werden können. Vielleicht sind es gar nicht Worte irgendeiner Sprache, die das Vokabular unserer Geschichten ausmachen. Manche Texte, die wir aus ihnen dichten, funktionieren - manche nicht. Es scheint eine Grammatik zu geben, die nur gewisse Kombinationen zulässt. In den letzten Jahren konnte man einen Trend wahrnehmen, der sich auf diese einzelnen Vokabeln konzentriert. Statt das ein überlegtes Arrangement mehrerer Topoi erweisen sich ganz bestimmte Erzählbausteine als Publikumsrenner. Der Anti-Held steht an vorderster Stelle, am besten in der Gruppe, die ständig mit sarkastischen Kommentaren wenig subtil die Handlung aufs Korn nimmt. Das Label „meta“ oder „self-aware“ ist ein absolutes Muss. Ich gebe ja zu, selbst großen Spaß daran zu haben. Dennoch steigt eine leicht wütende Reaktion in mir hoch, wenn ich beobachtete, wie oft einfach die beliebtesten Topoi zu einem halbwegs passenden „Kult“-Paket geschnürt werden. Die meisten solcher labilen, wenig balancierten Kartentürme würde doch selbst der zarteste Windhauch in alle Richtung zerstreuen. Es verkauft sich sicher gut; schlechtes Handwerk bleibt es trotzdem. Aber ist das Fehlen dieses Handwerks gerade, was unter den AutorInnen der Phantastikszene schief geht? Nein, ganz im Gegenteil - hier liegt häufig ihre Stärke (wenn nicht erwartbar gute Verkaufszahlen sie zur Schlampigkeit verleitet). Jedenfalls scheint mir kein anderes Genre das Spiel mit dieser Grammatik so gut zu beherrschen, sich ihrer Vokabeln bewusst zu sein und sie ständig kreativ neu zu kombinieren, ohne ins orakelhafte zu verfallen, dass nur noch wenig Eingeweihte verstehen. Vielleicht gilt Ähnliches noch für Thriller, Krimi und Horror, aber sie stehen der Phantastik ja historisch nahe.

Doch macht das Beherrschen dieser Grammatik „Hohe Literatur“ aus? Ich habe das Gefühl, innerhalb der Szene stimmt das zumindest schon ein wenig. Nicht umsonst stellen die Meister dieser Technik sie bei jeder Gelegenheit zur Schau. Und es war auch lange, lange Jahre mein Glaube, dass dies die Essenz des höchsten Levels der Schreibkunst wäre. Ich wurde geheilt, Raymond Chandlers „langem Abschied“[4] sei dank. Vor dieser bekehrenden Lektüre aber dachte ich, ich müsste die Topoi nur bewusst genug - clever genug - kombinieren, um die LeserInnen zu überraschen und mehr als bloße Unterhaltung zu leisten. Ich ging von meiner eigenen Reaktion aus, wenn ich verstand, was eine AutorIn mit ihren Topoi da anstellte. Es stimulierte mich intellektuell, gaukelte ich mir vor. Tatsächlich fiel ich auf einen alten Trick rein, wo eine AutorIn ihren LeserInnen absichtlich ein Stück weit ins Getriebe der Arbeit Einblick gewährt, um den Eindruck (manchmal wiewohl nur die Illusion) eines intelligenten Textes zu erzeugen. Allerdings war mir auch damals klar, dass neben diesem Spiel mit der Grammatik der Topoi, eben jene sozialen, politischen und kulturellen Themen mit Literatur zu tun hatten und ihrer fast schon mythisch vernebelte Gewichtigkeit. Aber auch hier übersah ich etwas - und das ist der Sinn dieser langen Rede. Ich übersah, dass all zu oft nichts Gewichtiges in diesen Werken lag. Es waren nur weitere Topoi, Bausteine ohne Bedeutung. Sie sprachen ernste Dinge an, vielleicht sogar mal im Ton der Sozialkritik, letztlich blieben sie allerdings Mittel zum Zwecke den Plot aufzubauen. Oft wenig mehr.[5]

V. Die Welt da draußen

Das Nennen, Ansprechen oder Einbinden eines problematischen Themas kreiert noch keine Bedeutsamkeit in einem Werk.[6] Das ist eine Binsenweisheit. Es zeugt vor allem von einem Bewusstsein der AutorIn für diese Dinge, dessen spezifisch individuelle Perspektive letztlich aber nicht in den Text übersetzt wird. Sie bleiben Topoi. Bloße Versatzstücke im Gefüge des Plots. Manchmal ist es natürlich eine Angelegenheit von angemessener Repräsentation, aber selbst das bleibt in vielen Fällen Dekor.

Macht die Verwendung homosexueller Charaktere eine Auseinandersetzung mit sexueller Orientierung in einer für sie letztlich doch relativ repressiven Gesellschaft aus? Nein. Dafür müssen wir LeserInnen einen kleinen Geschmack davon servieren, wie es sich anfühlt, wenn die eigene Sexualität vielleicht juristisch legal ist, aber im Alltag trotzdem diskriminiert - der damit einhergehende Druck, verbirgt man sie oder lebt sie offen aus; gleichsam die Freude, stößt man auf Akzeptanz. Wie steht es mit Beschreibungen von Gewalterfahrungen. Erneut: Nein. Würde Brutalität anspruchsvolle Texte erzeugen, müsste der Literaturnobelpreis längst fest in Händen bestimmter Teile der PhantastInnen liegen, wo sich angeblich so realistische Schilderungen früherer, dunklerer Epochen als äußerst modisch erweisen. Mir rätselhaft, wie das je zum Qualitätsmerkmal für irgendeinen Text werden konnte. Und eine letzte, selbstverständlich rhetorische Frage: Kann das differenzierte Abbild eines Unterdrückungsstaates mit jeglichen grausamen Details, die der Protagonist heldenhaft erduldet eine aufklärerische Sozialkrtik abgeben? Ein drittes Mal: Nein! ... oder doch. Vielleicht? Jedenfalls sollt das Regime nicht einfach die schlechte Ausrede für einen Antagonisten stellen. Es muss mehr leisten, als den Konflikt des Dramas anzutreiben - nämlich den Intellekt und die Gefühle der LeserIn. Bloßes Spektakel reicht nicht. Wir dürfen uns nicht von dem Schattenspiel in die Irre führen lassen, die einige geschickt verknüpfte Topi ausüben. Ein Diktator, eine reiche Oberklasse, ein wenig romantisierter Klassenkampf, ein verborgener Widerstand und traurige „Wahrheit“, dass beim Sturz dieses Regimes nur ein anderes folgt ... so ließt sich Dystopie heute leider oft. Es wirkt wie reduziert, an den Kanten beschnitten, genau da, wo diese beliebten Topoi nicht hinkommen: Die Erfahrung in diesem System zu leben, ein Zahnrad darin zu sein, nie die Chance zu bekommen mehr dagegen anzugehen als in kleinen subversiven Akten des Alltags.

Dafür müssen wir uns aus dem Labyrinth ständig wiederkehrender Erzählmuster befreien, möchte man meinen und stellt gleich darauf fest, dass das gar nicht geht. Man kombiniert doch nur wieder, konstruiert mit viel Glück höchstens einen neuen Topos. „Everything is a remix.“[7] Ja. Everything ... doch es gibt einen Ausweg und er führt ironischerweise über die Topoi selbst. Der Trick besteht darin sie als Vehikel einzusetzen, LeserInnen mit ihnen einzufangen, indem wir sie bewusst abrufen und damit auf ein Thema vorbereiten. Dann, wenn der Tisch gedeckt ist und das richtige Besteck für die kommende Speise gereicht ist, konfrontieren wir die LeserInnen mit unseren halbgaren, hoffentlich tatsächlich bedeutungsvollen Weisheiten. Das ist einiges an Mühe zusätzlich zur eh schon nicht leichten Schriftstellerei. Aber wir müssen mehr leisten und geben - gerade in Tagen wie diesen ist es ein Stück politischer Verantwortung. Ganz konkret heißt das. Wir müssen von unseren eigenen Beobachtungen des realen Lebens zehren und sie auf Papier bannen, persönlich werden. Statt einer Darstellung von Diskriminierungen sollen die LeserInnen unseren Erfahrungen mit Diskriminierung begegnen, aber auch mit Politik, sozialer Ungleichheit, psychischer Krankheit. Und vergessen wir dabei nicht die guten Dinge! Wer hat je gesagt, tiefsinnige Texte könnten nicht das Leben feiern und müssen immer ernst mit der Tendenz zur Depression sein? Der Halt von Freundschaft und Familie in Krisenzeiten, die glücklichen Tage in denen man mit der Liebe vertraute Orte neu entdeckt. Gleichsam Themen, die (hoffentlich) einen Platz in unserem Leben haben und damit in der Literatur. Das allein kann ein Werk einzigartig machen: ein singulärer Blick auf die Welt. Oft im Detail, nicht zwingend auf die großen Zusammenhänge. Genau das macht die Trennlinie aus, die die Phantastik überschreiten muss, um Legitimität als „Hohe Literatur“ über die Szene hinaus zu erreichen. Sie muss von der echten Welt handeln, von echten Erfahrungen und echten Perspektiven, nicht solchen, die nur in Worte gefasst werden, um den Plot voranzubringen. Das ist ein Anspruch, den wir selten an uns stellen. Gleichzeitig wäre es schade, wenn sie ihre Qualität verrät, über ferne, fremde Welten zu erzählen - das ist nämlich ihre Stärke im Umgang mit Sozialkritik, die ihr kein anderes Genre voraus hat.

VI. Ratlosigkeit oder die Lösung für Triviales

Eine Menge digitaler Druckerschwärze später nähern wir uns endlich dem Schluss. Wo die Worte aus mir raus sind - sie haben lange in meinem Hirn gegarrt - erscheinen sie mir banal, sogar ein wenig dümmlich, überheblich in jedem Fall. Unter dem Strich wird es wohl mehr über meinen eigene Entwicklung als Autor aussagen, als über den Rest der PhantastInnen. Schwer vorzustellen es sei eine neue Erkenntnis, dass wir uns zu sehr darin verlieren Themen einfach zu benennen, statt von unserer Erfahrung mit ihnen zu erzählen. Vielleicht gilt es noch herauszufinden, warum das so ist - das soll hier aber nicht meine Aufgabe sein, wenn es meine Aufgabe überhaupt sein kann. Am liebsten würde ich damit enden, eine Lösung zu präsentieren. Leider habe ich keine. Größtenteils bin ich da recht verloren. Es ist diese etwas erschöpfte Ratlosigkeit, nachdem man ein Thema lange Monate mit sich getragen hat, gebrütet und durchdacht hat, schließlich zu einem ersten Zwischenstopp im Denkprozess gekommen ist. Die Wegmarke dieses Streckenabschnitts ist dieses Essay. Eine hoffnungslose Ratlosigkeit fühle ich allerdings nicht. Skizzen zeichnen sich ab, wohin die Reise geht, unklare Karten für fremde Länder. Mögen sie mich nicht in die Irre führen. Ich will sie hier jedenfalls zum Abschluss teilen.

(1.) Wir müssen uns mehr mit den Praktiken unseres Genres beschäftigen. Wie genau reden wir über Themen? Das heißt auf zwei Ebenen: Wie reden wir innerhalb der Szene darüber und wie bringen wir sie in die Geschichten ein? Was bekommen LeserInnen davon mit? Viele Auseinandersetzungen, die unsere Gesellschaft aufreiben, finden sich in der phantastischen Literatur wieder; manche implizit, manche explizit. Das weite Feld der Gender-Debatte zum Beispiel wird meinem Eindruck nach ziemlich bewusst diskutiert, gerade unter dem Punkt eines ehemals doch recht stark männlichen Zielpublikums. Es schlagen sich dieselben Fraktionen wie überall: Extrem gestrige, die jedes Gespräch in diese Richtung als Auswuchs einer ideologischen „Sittenpolizei“ ablehnen, aber auch die Umkehr, welche Männer grundsätzlich als Feind der Frau sehen, ihm auf irgendeinen animalischen Sexualtrieb und emotionale Tumbheit reduzieren und damit Diskriminierung unter umgekehrten Vorzeichen wiederholen. Glücklicherweise findet der sinnige Teil der Diskussion in einem entspannten Klima statt, das unterschiedliche Meinungen aushält. Wir sind ja auch gezwungen, uns mal darüber zu unterhalten. Wie ist es als Mann eigentlich möglich aus der Perspektive einer Frau zu schreiben - oder als Frau von einem Mann? Und der Perspektive einer Frau zu schreiben - oder als Frau von einem Mann? Und bei der Frage bleiben wir noch in den relativ simpel gestrickten Feldern. Aber es fällt auf. Nicht selten kommt (hier und da zurecht) die Kritik: „Die Frau kann nur von einem Kerl geschrieben sein!“ An anderer Stelle machen sich die Geschlechter dann wieder den Vorwurf: „Das kannst du nicht verstehen. Das ist ein Männerding / ein Frauending.“ Ich fand das immer schade. Da wird Kommunikation abgebrochen, ohne den Versuch dazu zu wagen. Sollte das tatsächlich eine Wahrheit sein, könnten Individuen sich wohl generell nicht mal im Ansatz gegenseitig nachvollziehen. Jedenfalls liegt bei diesem Komplex auf der Hand, welche Hilfe von solchen Selbstreflexionen kommt.

(2.) Schauen wir uns außerhalb unseres Genres um. Was ist denn eigentlich jene „Hohe Literatur“, die unsere Kritik so loben? Ich habe letztens eine Anthologie von Pipa Goldschmidt gelesen: „The Need for Better Regulation in Outer Space“.[8] Und es hat emotional Akkorde angeschlagen, die mir in der Phantastik oft fehlen oder nur vereinzelt anklingen und leider nie im Zentrum der Texte stehen. Sicher genieße ich das Abenteuer, das Spektakel, ja, den schieren Kick und ganz besonders jenen Sense of Wonder, den wir ungefragt zu bieten haben. Aber das Kleine geht dabei oft unter. Goldschmidt erzählt von beidem. Viele Kurzgeschichten drehen sich um die wichtigen Persönlichkeiten der Physik am Beginn des 20. Jahrhunderts, Einstein und immer wieder Oppenheimer. Doch sie verliert nie diesen intimen, feinfühligen Zugang zu ihren Charakteren. Winzigkeiten bleiben hängen, die mir noch Tage später im Kopf rumgeistern und obwohl der Text nicht mehr exakt präsent ist, versetzen sie mich in leichte Melancholie oder lassen mich lächeln. Werke, die so in mir nachreagieren sind - abgesehen von zwei spontanen Beispielen - alle außerhalb der Phantastik angesiedelt. Sie stammen von Tolstoi, Fitzgerald, Göbel, Chbosky, Kracht, Chandler ... ich frage mich, was ich ohne sie wäre.

(3.) Man verzeihe mir nochmals die Ausdrucksweise: Bekommt euren Arsch aus der Tür! Eine Lektion, die ich von den HistorikerInnen gelernt habe - ähnlich wie bei AutorenInnen könnte man denken, die meiste Arbeit geschieht hinter dem Schreibtisch (oder im Archiv). [9] Es wäre wohl eine armer SchriftstellerIn und gleichsam arme HistorikerIn, die Nichts von der gegenwärtigen Welt in all ihrer vitalen Quirligkeit und grausamen Untiefen verstünde. Es geht um die Lebenden. Immer. Für sie schreiben wir. Ihren Hunger nach Geschichte(n) wollen wir stillen und dafür müssen wir sie kennen. Eine HistorikerIn will die Fragen ihrer Zeit beantworten und die Toten können ihm da vielleicht helfen. Mit unter helfen sie auch dem anderen schreibendem Volk, aber beide brauchen sie den Anstoß, die Inspiration, den Kontakt zur Umwelt. Den findet man selten in der heimischen Komfortzone (und in dem Satz fehlt ein „leider“ mit voller Absicht). Neue Erfahrungen müssen her, neues Leben, neue Dinge. Manchmal sind das weite Reisen, manchmal Spaziergänge in ein bisher unbekanntes Nachbarviertel, aber all zu oft ist es auch einfach das grad eröffnete exotische Restaurant an der Ecke oder die gestern angestellte KollegIn. Wir können nicht immer von dem Schreiben, was wir perfekt kennen. Das würde ja heißen, eine AutorIn von Historienromanen über den ersten Weltkrieg müsste erstmal aufs Schlachtfeld. Empfehle ich keinem. Dennoch: Die Erfahrungen, die wir machen, sind die Nahrung unserer Kunst. Es braucht - und hier schließt sich der Kreis - ein wenig Stress, um vernünftige Arbeit abzuliefern. Ohne den Zustand konstanter, leichter Überforderung lernt sich nichts. Bisher wurde niemand gemütlich in seinem Sessel auch nur halbwegs eine gute AutorIn. Also raus mit uns! Raus auf die Straße und tief ins Herz des Lebens ... da finden wir schon den Rohstoff der „Hohen Literatur“.

„I’m trying in all my stories to get the feeling of the actual life across—not to just depict life—or criticize it—but to actually make it alive. So that when you have read something by me you actually experience the thing.“[10]



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[1]↑ Rowling, Joanne K., Harry Potter and the Deathly Hallows, London 2007,  S. 579.
[2]↑ Die im Folgenden ausgeführte Idee von Stress begegnete mir bei Werner Schiffauer. Sehr überzeugend zeigt er, wie man mit ihr gesellschaftliche Dynamiken fassen kann und anschließend beschreiben. Sein Beispiel bezieht sich vor allem auf den alltäglichen Umgang mit dem Islam in Deutschland, der Sprung in eine abstraktere weiträumiger anwendbare Denkfigur liegt jedoch nicht fern. Vgl. Schiffauer, Werner, Schuler, Moschee Elternhaus. Eine ethnologische Intervention. Berlin 2016, S. 16-18.
[3]↑ Eine interessante Sammlung solcher Topoi der Populärkultur, versehen mit einer guten Portion Selbstironie findet sich in dem Wiki www.tvtropes.org
[4]↑ Vgl. Chandler, Raymond, The Long Good-Bye, Boston 1953.
[5]↑ Für ein kleines Beispiel, das zwar nicht der Szene der deutschen Phantastik entstammt, es aber dennoch sehr gut auf den Punkt bringt, hilft ein Blick in folgende Videospiel-Kritik besonders ab Minute 4:25, vgl. Franklin, Chris, Errant Signal - Deus Ex: Mankind Divided, 20.9.2016, URL: https://www.youtube.com/watch?v=vMEMsjKpas8 
[6]↑ Treffender erklärt das Evan Puschak auf seinem Youtube-Kanal Nerdwriter, vgl. Puschak, Evan, The Epidemic of Passable Movies, 14.12.2016, URL: https://www.youtube.com/watch?v=Ukk5TJL27pE
[7]↑ Eine bezeichnende Phrase aus des Intro des Podcast Spoiler Alert, welche in dessen erster Episode geprägt wurde. Vgl. www.spoileralert.bildungsangst.de
[8]↑ Vgl. Goldschmidt, Pippa, The Need for Better Regulation of Outer Space. A Collection of Stories. Glasgow 2015.
[9]↑ Marc Bloch schrieb einmal sehr treffend über das Geschäft der HistorikerIn: „Einst begleitete ich Henri Pirenne nach Stockholm. Kaum angekommen fragte er: ‚Was sehen wir uns als erstes an? Angeblich gibt es hier ein neu erbautes Rathaus. Fangen wir damit an.‘ Und dann, als wolle er meinem Erstaunen zuvorkommen, fügte er hinzu: ‚Wenn ich Antiquitätenhändler wäre, hätte ich nur Augen für die alten Sachen. Aber ich bin Historiker. Deshalb liebe ich das Leben.‘ Diese Fähigkeit, sich auf das Leben einzulassen, ist in der Tat die wichtigste Tugend eines Historikers. (...) Vielleicht ist diese Fähigkeit grundsätzlich eine Feengabe, die niemand erwerben kann, dem sie nicht in die Wiege gelegt wurde. Dennoch muss sie ständig geübt und weiterentwickelt werden. Und wie, wenn nicht so, wie es uns Pirenne selbst vorgemacht hat, nämlich durch ständigen Kontakt mit dem Heute?“ Bloch, Marc, Apologie der Geschichtswissenschaft. Oder der Beruf des Historikers. Stuttgart 2002, S. 50f.
[10]↑ Ernest Hemingway zitiert nach Meyers, Jeffrey, Hemingway. A Biography. Cambridge, Mass. 1999, S. 138.

Mittwoch, 8. März 2017

Ein Experiment in der anderen Kunst




Die andere Kunst - damit meine ich die Fotografie. Was schon etwas seltsam inkonsequent ist. Natürlich stimmt, dass das Schreiben meine Hauptkunst geworden ist. Da besteht wohl keine Frage. Dennoch kamen im Laufe der Jahre einige geliebte kreative Übungen unter die Räder. Zeichen und Malen zum Beispiel, künstliche Sprachen basteln und Länder, Inseln, sowie vor allem Städte in meinem Kopf kartographieren, mit Polygonen Gebäude und Raumschiffe bauen; Photographieren ist da nur eine der anderen Künste. Der meiste Verlust hat einfach damit zu tun, dass es in einem Alltag zwischen Studium, Jobs und einem Hauch Sozialleben nicht ständig Raum gibt. Wobei gerade dieses Sozialleben mal deutlich mehr Gewicht als Ruhepol vertragen könnte. Als Reaktion auf solche Äußerungen bekomme ich immer wieder dasselbe zu hören, dass ich doch nur mein Schreibhobby ein reduzieren müsste. Somit könnte ich mir in meiner Freizeit mehr Diversität gönnen. Der enorme Fehlschluss liegt in der Annahme, dass es sich um ein Hobby handeln würde.

Es ist mein Job. Daran gibt es auch nichts zu rütteln oder zu interpretieren.

Er steht selbstverständlich in einer gewissen Spannung zur zweiten Seite meines Lebens: Der Wissenschaft. Diese beiden Sphären könnten für mich nicht alleine existieren. Sie sind oft im Klinsch und gleichzeitig Hand in Hand, ausnahmslos aber fruchtbar für mich. Eines jedoch stimmt: Ich hätte gern mehr Diversität in der Gestaltung meiner Kreativität. Schreiben und Wissenschaft werden immer im Zentrum stehen. Immer. Nichts fordert meine Kreativität mehr als diese Zwillinge. Durch wenig fühle ich mich lebendiger. Außerdem kommt weder Dichtung noch Forschung ohne ständig neue Anstöße aus.

Vielleicht halte ich allerdings auch zu sehr an einem Ideal eines Renaissance-Gelehrten fest, der in tausend verschiedenen Feldern seine Fähigkeiten verfeinert und in seinem verkrammten Atelier zwischen einem halben Bibliotheksbestand, Schreibutensilien, Notizzetteln, Skulpturen und Skizzen haust. Der Lebensstil von Anton Sokolov scheint schon sehr attraktiv. Ist zwar noch fiktiver als jener der Vorbilder, auf denen dieser Charakter basiert, aber hey - jeder darf sein Stück Eskapismus haben, oder? Selbstverständlich liegt das in dieser ernüchternd realen Welt nicht im Bereich des Möglichen. Mancher zweifelt sicherlich, ob so eine Interessensbreite der Qualität einzelner Arbeiten nicht ausnahmslos zwingend Abbruch tut. Jack of all trades, master of none? Mag sein. Ohne die ökonomische Basis für diese dekadente Vielfältigkeit des Lebensstils lässt es sich schwer rausfinden. Falls irgendwer sich hier jedoch als Mäzen hervortun möchte - ich würde mich für so ein Experiment selbstredend aufopfern.

Ein weiteres Experiment, dem ich mich ab Januar stellen wollte, war eben eine dieser anderen Künste, die Photographie, wieder mehr in mein Leben zurückzubringen. Früher hatte ich oft Probleme meine Faszination für die Arbeit mit Kameras einzuordnen, ließ sich ja fast die Gesamtheit dessen, was ich so tat, relativ offensichtlich mit dem Kreieren von Geschichten in Verbindung bringen. Das geht auch mit Photos. Weiß ich. Wusste ich damals ebenfalls. War aber lange nicht mein Verständnis von dem, was ich da anstellte. Der Knackpunkt kam erst mit der Erkenntnis, dass meine Erzählungen, so sehr sie sich auch da draußen in phantastischen Welten abspielten, in gewisser Weise Bohrungen in meine Realität sind, Beobachtungen sozusagen. Photographie wird unter diesem Gesichtspunkt die perfekte Technik.

Im Grunde habe ich keine Ahnung, ob ich ein guter Photograph bin. Wichtiger ist ja auch, dass es ein großer Spaß ist, obwohl mich durchaus der Ehrgeiz reitet, gute Bilder zu schießen, gute Kompositionen zu wählen, Belichtung zu treffen und generell interessant und technisch sauber zu gestalten. Natürlich gegebenes Talent halte ich sowieso für Stuss. Besser werden und lernen ist das Ergebnis von Arbeit.


Ein Hauptziel bei dem Experiment war mir eine bestimmte Alltäglichkeit herzustellen - gerade damit es nicht ein einzelner Versuch bleibt, ein kurzes Zwischenspiel und danach findet sich die Photographie zurück verstaut in ihrer Schublade wieder. Also setzte ich auf eine bewährt unsubtile Methode des Internetzeitalters: Eine Challenge. In dem Fall stellte ich mir die Herausforderung jedem Tag für ein Jahr ein (halbwegs) vernünftiges Photo zu schießen. Es war eine gute Gelegenheit meine treue Canon EOS 450D einzusetzen, deren einziger Makel möglicherweise darin besteht, keine Videofunktion zu haben - und auch das weil es ein

Experiment wäre, was ich gerade in Kombination mit dem gewohnten Funktionen einer Spiegelreflex mal wagen würde. Andrerseits würde ich obendrein gern mit Kollodium-Nassplatten-Techniken rumexperimentieren. Denn seien wir mal ehrlich: Film- und Digitalphotografie wird nie an diese Eindrücke rankommen und sie höchstens überzeugend, aber gleichfalls immer bemerkbar faken. An dieser Stelle eröffnet sich selbstredend erneut das Problem eines nicht existenten Mäzens, der sowas ermöglicht (und dem Zeitproblem für so eine Aufwendigkeit wohl letztlich doch nicht abhelfen kann). Glücklicherweise braucht man im Grunde keine extrem anspruchsvolle antike Maschinerie, um die Welt einzufangen - die Gegenwart bietet mehr als genug interessante Spielzeuge. Eines davon habe ich ohne es direkt zu planen für alle Photos dieses Experiments eingesetzt: Mein Lieblingsobjektiv (Canon Lens EF 50mm f/1.8 II, falls es wen interessiert) Es fängt das Licht genau so ein, wie ich das gerne hätte, hat ein unglaublich angenehmes Bouquet und der Mangel eines Zooms zwingt in eine Kreativität, die mich Perspektiven und Ausschnitte sehr bewusst wählen lässt. Ich könnte mäkeln: Wirklich kleine Details lassen sich damit nicht einfangen und manchmal könnte es noch weitwinkliger sein. Das ist meckern auf hohem Niveau - ich würde Lichtstärke und minimale Blendenzahl gegen nichts eintauschen.

Ist das Experiment gelungen? Klares jein. Ein Jahr habe ich es nicht durchgehalten. Es war nötig die Kamera überall mitzuschleppen oder einfach Daheim Detailbilder zu schießen - was ich auf Dauer als langweilig empfand. Meine harte Linie es in den Alltag zu integrieren behinderte den Alltag selbst. Schon allein, weil es wenig Taschen gibt, die Bücher, Schreibutensilien und Kamera gleichzeitig beinhalten können und nicht nach Backpack-Tourist aussieht oder dem traditionellestem deutschen Gewand der Geschichte: Der Funktionskleidung.

Doch ist die Angelegenheit auf anderer Ebene geglückt? Seht selbst. Mach euch eine eigene Meinung. Manches findet sich ja um diesen Artikel. Für mich hat es sich in jedem Fall gelohnt. Wenn auch in unerwarteter Weise. Ich habe vier Jahre in der Produktphotographie eines gewissen Online-Modeversands gearbeitet und lange beherrschte mich das Gefühl, dass was wir da gemacht haben, einen sehr negativen Einfluss auf meine Bilder nahm. Irgendwie fühlte ich mich noch ewig nach meiner Kündigung in die dortigen Techniken gepresst, als könnte ich nur durch eine Linse der besten Repräsentation eines Konsumguts an einen Kunden photographieren. Was auch immer dieses Experiment gebracht hat - und bei einer Fortführung hätte bringen können - von dieser Vergangenheit fühle ich mich geradezu exorziert. 

~ Fabian, 8.März, 8:10




Freitag, 30. Dezember 2016

Rückblick? Einblick! Ausblick ...




Eigentlich hatte ich einen anderen Jahresrückblick geplant. Einen der deutlich mehr Einblick in mein Privatleben außerhalb vom Schreiben oder Wissenschaft gab (Letzteres kam hier zugegebenermaßen bisher kaum vor). Leider spielten mir vor lauter unreflektierter Dankbarkeit auch Einblicke in das Privatleben vieler weiterer Personen mit hinein. Danksagungen an enge Freunde, Kollegen und Bekannte, die doch eher von Angesicht zu Angesicht ausgesprochen werden sollten und nicht ins Internet gehören. Letztlich gingen damit ebenfalls Informationen von diesen Menschen einher, über die ich nicht das Recht habe zu verfügen. Glücklicherweise wurde ich rechtzeitig davon abgehalten. Woher das genau kommt, dass ich mich unbesonnen und völlig überhastet in diese Art von Jahresrückblick gestürzt habe, kann ich nicht wirklich sagen. Und überhastet war es, wie ich den Text zwischen Weimar und Erfurt im Intercity in die Tastatur gehauen habe. Hab ich es getan, weil es eine klassische Geflogenheit zum Jahresende in vielen Teilen unserer Autorenszene ist? Weil ich aufgewachsen in einer Welt von Facebook, Twitter, Instagram mittlerweile total enthemmt bin? Weil ich am Ende deutlich unkritischer bin, als ich so gerne tue? Wahrscheinlich alles ein gutes Stück wahr - doch eine richtige tiefe Analyse will ich an der Stelle gar nicht abgeben. Interessiert die überhaupt irgendwen? Vermutlich genauso wenig, wie es irgendwen gekümmert hätte, was ich da über mein Leben dahinrede.

Eine wichtige Sache ist mir dabei dennoch aufgefallen. Ich habe eine ganze Menge, wofür ich dankbar sein kann. Erst dachte ich, dass einige spärliche Kleinigkeiten zusammenkommen würden. Unter meinen Finger schrieb es sich aber doch recht locker von der Hand und plötzlich kam mehr zusammen, als der Beitrag vertragen hätte, selbst wenn ich ihn tatsächlich veröffentlicht hätte. Das widerspricht meiner Wahrnehmung vom Jahr 2016 komplett. Das ist ja nicht ungewöhnlich. Viele Leute scheinen dieses Gefühl zu teilen und die Anzahl an Memes, Witzen, Anekdoten und Klagen bezogen auf ein einzelnes Jahr mag legendär hoch sein. Diverses davon bezieht sich auf verstorbene Berühmtheiten. Mir ist das größtenteils egal. Das ist Triviawissen. Gestorben wird immer. Mich bedrückt mehr eine politische Lage, in der sich Deutschland anfühlt, als wäre eine Entnazifizierung nicht wirklich geschehen - oder zumindest ziemlich fehlgeschlagen. Dazu kommt noch, wie Dinge im Rest Europas und der Welt stehen. Mich schockt besonders der zunehmend aggressivere und enthemmtere Umgangston unserer Gesellschaft, dieses flächendeckende Pöbeln. Rücksicht, Mitgefühl und Achtsamkeit muten wie romantische Träumereien an. Wie man sich denken kann, schalten Krisen im Privaten und im Job außerdem nicht auf Pause, nur weil die weltpolitische Lage an manchen Tagen eher nach Apokalypse als nach einem Lernprozess aus vergangenen Katastrophen wirkt. Es mag vollkommen natürlich sein, dass persönliche Erfolge in diesem Chaos untergehen. Aber muss das sein? Kann ich das nicht anders haben?

2016 war also einerseits unglaublich stressig. Kraftraubender als ich es mir vielleicht sogar eingestehen will. Andrerseits war es erfolgreich. Meine Forschung zu den Goten ist in meiner Bachelorarbeit gemündet, die mit Bestnoten bewertet wurde. Eine Bewertung, an der ich in der Verteidigung keine Zweifel gelassen habe (immer noch irgendwie überraschend für mich selbst). In meinem Leben als Autor beglückte mich die „Verschlusssache“, die tatsächlich ihren Platz fand und für den Deutschen Phantastik Preis nominiert wurde. Beide Projekte öffneten mir neue Wege. Von denen wird aber an anderer Stelle zu reden sein. Ich bin froh, dass beide Projekte unter dem Stress aus anderen Lebensbereichen relativ wenig gelitten haben. An anderer Stelle mussten Qualität und Produktivität arg zurückstehen - leider auch die Sorgfalt. Vieles fühlte sich an wie Auftragsarbeiten. Spaß funktioniert anders. Das muss sich ändern.

Daher mein hauptsächlicher Plan für das nächste Jahr: Wieder mehr schöne Dinge schaffen. Weniger Hetzen. Auch auf Arbeit - damit Qualität wieder Quantität ablöst. Mehr Herzlichkeit. Mehr Fürsorge. Mehr Verständnis. Ich möchte präziser und geplanter arbeiten, damit mehr Zeit ist zum Durchatmen, für diejenige, die ich liebe, und für wirklich interessante Projekte. Ich habe da so einige Ideen im Kopf ... gerade nach dem mein Job im ERC-Projekt FOUNDMED im Februar/März enden wird. Mein Roman muss jetzt endlich Form annehmen, wo doch schon so viel Material existiert. Außerdem hatte ich den Gedanken mir eine Ein-Foto-pro-Tag-Challenge zu stellen. Mit Video als Medium experimentieren. Mehr zeichnen wäre auch nicht schlecht. Den perfekten Workspace für den perfekten Workflow in kreieren. Wieder Forschung machen, auf die ich richtig Bock habe. Mehr durch Reinickendorf spazieren. Klingt schon wieder nach sehr viel, aber ein großer Punkt soll auch sein, eine Balance zu finden. Wie viel muss ich schaffen? Wie viel kann ich schaffen? Wie viel tut mir gut? Wir werden sehen. Andere Dinge haben vielleicht auch mehr Priorität.

Interessant wäre auch, was mit diesem Blog passiert. Diesen Dezember hat er mehr Beiträge als in seinem ganzen Bestehen vorher gesehen. Glaube ich - gezählt habe ich es jetzt nicht noch mal. Aber interessiert euch eigentlich, was ich hier so schreibe? Würde mich sehr freuen, das mal von euch zu hören. Gibt es etwas von dem ihr mehr erfahren wollt? Beiträge, die ihr gern lesen wollt? Kram, den ihr bisher vollkommen unnötig fandet? Fragen über Fragen. Antworten könnten helfen, dem Letzten-Rastplatz-Blog einen guten Platz im Jahr 2017 zu geben.

Kommt mir bloß alle gut ins neue Jahr. Wir sehen uns auf der anderen Seite!

~ Fabian, 30. Dezember, 16:58

Mittwoch, 28. Dezember 2016

Per Mores Ad Astra - Mit guten Sitten zu den Sternen




Werte AnhängerInnen des Retrokults! Ihr, welche euch so sehr nach dem Zeitalter oder vielleicht auch nur der Ästhetik der Viktorianer zurücksehnt, ja genau für euch hat der Verlag ohneohren ein ganz besonderes Geschenk zum Jahresausklang vorbereitet. „Gentleman in Space“ heißt die Anthologie in der jene tugendhaften Männer hinausziehen zu den Sternen, sie bringen wohlfeiles Verhalten, ja Manieren und gute Sitten in die Fremde! Ihnen gilt ... autsch! Das tut ja echt weh, sowas zu schreiben. Tja also hier die konsequente Ansage vorne weg: Ich bin kein Freund dieser Zusammenstellung an „richtigen“ und „vornehmen“ oder sogar „zivilisierten“ Verhaltensformen, die in der Regel das Bild von einem Gentleman ausmachen. Trotzdem habe ich dem Buch eine Geschichte beigesteuert. Wie kommt das?

Der erste Grund ist durch und durch narzisstisch. Ich wurde gefragt. Das schmeichelt meinem Ego. Warum sollte ich nein sagen? Der zweite Grund ist das mich das Thema durchaus interessiert. Aber vielleicht nicht so, wie man das erwarten würde. Klar, einige Dinge mögen für jene, die mich schon länger kennen, recht offen auf der Hand liegen. Ich mag zum Beispiel die Mode, die mit solchen Gentleman-Gestalten besonders in der Phantastik assoziiert wird. Gehröcke, Westen, gute Stiefel, breitkrempige Hüte - die Garderobe des späten 19. Jahrhunderts bis hin zu den 20er und 30er Jahren. Ich wünschte wirklich meinen Kleiderschrank damit füllen zu können. Ist nur nicht immer so einfach, dass die Sachen, die man heute so noch kaufen kann, gut aussehen oder passen. Es ist schon schwer auszuwählen. Mit Manieren kann ich gleichfalls aufwarten. Eine gute Kinderstube hatte ich ja, obwohl ein Button, den ich berühmt-berüchtigt auf der Buch Berlin 2014 geschenkt bekam, behauptet: „Ich bin gut erzogen, aber ich weiß nicht, was dann passiert ist.“ Das allerdings trifft für mich nicht den Kern dieser Figur namens Gentleman. Geht es hier nicht um einen way of life, in dem es exakte Verhaltensnormen gibt, eine gewisse Zivilisiertheit? An der Stelle beginnen bei mir die Magenkrämpfe.

Ich bin kein Fan von gesellschaftlichem Leben, das nach exakt definierten Regeln abläuft. In einer leichteren Variante könnte man solche Regelwerke und die mit ihnen verknüpften Vorstellungen auch eine Leitkultur nennen. Das widerspricht etwas meiner Idee davon, wie die Welt einerseits tatsächlich ist und wie ich sie mir im Ideal wünsche. Die Zeit in der es die eine Kultur gab, die ganzen Städten, Ländern, Staaten und Völkern unter ihrem Schirm vereinte sind vorbei - wenn es sie überhaupt je gab. Millieus, Berufsgruppe, ja manchmal sogar einzelne Generationen haben ihre eigene Kultur, ihre eigene Ordnung. Diese ergänzen sich mitunter, doch können genauso paradox und unvereinbar gegeneinanderstehen. Es gilt eine Vielzahl an Ordnungen auszuhalten. Das ist natürlich nicht so sehr Teil unseres Alltages - wir können die Gesellschaft nicht in jeder Situation so komplex durchsteigen (schade eigentlich). Aber mich hat diese Erkenntnis zu dem Schluss geführt, dass es keine gute Norm für richtiges Verhalten gibt. Stattdessen muss das immer wieder neu ausgehandelt, beredet und etabliert werden. Klar, manches davon ist in Gesetzten verankert, allerdings sind sie nur Fixierungen eines Ergebnisses solcher Debatten. Zuweilen muss so ein Ergebnis aber auch abgewandelt werden oder möglicherweise gestrichen. Das gilt um so mehr für Bereiche des Lebens, in dem die Richtigkeit nicht derart wortwörtlich festgeschrieben ist. Der Gentleman ist für mich jedoch etwas ein Gegenbild: Er weiß stets, wann er was zu tun hat. Darin liegt wahrscheinlich der Reiz. Der Gentleman ist erwartbar. Er wird sich in jeder sozialen Situation recht benehmen, ohne das zu potentiell unangenehmen Überraschungen kommen wird. Viele Leute mögen das - dieser Tage wieder umso mehr. Natürlich spielt gleichzeitig eine gewisse Romantik des Tür-Aufhaltens, Jacken-Abnehmens und Stuhl-Zurechtrückens eine Rolle. Finde ich auch mal ganz süß. Wer hält mir demnächst die Tür auf, stellt den Stuhl zurecht und bringt mir Blumen mit und sowas?

Meine Idee war also diese beiden Welten einmal miteinander zu konfrontieren. Jene, wo der Gentleman mit seinem Verhalten der Situation eine erwartbare Form gibt, und jene, wo verschiedenste Ordnungen aufeinandertreffen und erstmal ein Verhältnis finden müssen. Für solche Gedankenexperimente ist die Science-Fiction doch grad gut, oder? Das Ergebnis überrascht mich ein wenig. Die Kurzgeschichte nahm unter meinen Fingern nämlich weniger die Form eines Gegensatzes zwischen Welt-der-multiplen-Ordnungen und Gentleman an, sondern plötzlich sah ich mich zwei unterschiedlichen Arten als Gentleman zu leben entwickeln. In der klassischen Version tritt Aiden Selkirk der Kapitän der MERCURIUS auf, ihm gegenübergestellt ist seine erste Offizierin und Gentlewoman Sayyida Al-Hurra. Wer bei ihr gewisse parallelen zu Commander Susan Ivanonva von Babylon 5 sehen möchte, sei herzlichst dazu eingeladen - immerhin ist für mich Ivanonva eine der sympathischsten Figuren der Science-Fiction gewesen. Verlegerin Ingrid Pointecker hat glücklicherweise einen Narren an ihrem Charakter gefressen. Zumindest wurde unser Chat stark von Wünschen bereichert, sie wäre eine reale Person. *winke* Interessanterweise war das Ingrids Reaktion auf eine andere Frauenfigur, Mathilde von Canossa, die sowohl in den „Heimchen am Herd“ als auch dem ersten Fantasy Lesebuch auftritt recht ähnlich. Das war allerdings ein Glück ... da ich meinen Festbeitrag 2 Monate nach der Deadline eingereicht habe. Ja, das Jahr 2016 hat in dem Fall für einigen Aufschub in meiner Pipeline gesorgt. Diese beiden Raumfahrer, Selkirk und Al-Hurra, jedenfalls sehen sich konfrontiert mit dem absolut Fremden, einem Alien, mit dem kein Mensch vorher Kontakt hatte. Daher auch der Name der Geschichte: „Alteritas“. Das Fremde. Eigentlich war es nur der Name meines Arbeitsdokuments, nicht der Titel der Geschichte, welcher jetzt zum Untertitel degradiert wurde. „Alteritas - Tanzschritte in die Unendlichkeit“ ist aber auch nicht schlecht. Klingt viel intelligenter, als ich es formulieren hätte können. Nun könnte ich natürlich noch einiges weitere verraten - zum Beispiel, dass wir die Ereignisse aus dem Blickwinkel des Schiffsjungen Glyn Williams miterleben. Dass ich ein Norbert Elias Zitat verwende, ohne ihn komplett niederzumachen (das dürfte einmalig sein)! Oder dass es sich bei Sayyida Al-Hurra um eine gläubige Muslima handelt, die gleichzeitig ihre Bisexualität sehr offen auslebt? Bin ja mal auf Reaktionen darauf gespannt.

Das eBook ist auf jeden Fall draußen. Der Print kommt auch noch! Und schaut auf dieses schöne neue Cover, das die Herausgeberin Grit Richter via ihrer Zweitfirma Art Skript Phantastik Design gestiftet hat: 




~ Fabian, 28. Dezember, 11:30